Rezension von Gerald Raunig
Der Band
umfasst sieben Texte, die der in Puebla lebende und lehrende
Sozialwissenschaftler im Laufe der letzten zehn Jahre geschrieben
hat. Über diese lange Strecke lässt sich die Entwicklung sowohl der
von Holloway kompetent und empathisch begleiteten zapatistischen
Praxis als auch jene der Theorieproduktion Holloways anschaulich
verfolgen. Konzepte und Begriffsfelder wie jenes der Masken, der
Politik der Würde, des urbanen Zapatismus, des gehorchenden
Befehlens (mandar obedeciendo) oder des fragenden Voranschreitens
(preguntando caminamos) sind zwar aus dem lakandonischen Urwald um
die Welt und in alle möglichen aktivistischen und theoretischen
Zusammenhänge eingegangen, bedürfen aber in vielen Fällen weiterer
Vertiefung und Rekontextualisierung in den politischen Zusammenhängen
in Chiapas und Mexiko.
John Holloway leistet diese Vertiefung der zapatistischen Politik
ausgehend vor allem von der Konzeptualisierung zweier Formen der
Macht, der power-over (der instrumentellen Macht) und der power-to-do(der kreativen Macht). Diese Zweiteilung, die in anderen Theorien als
Differenz von potentia und potestas, von konstituierender und
konstituierter Macht eingeführt worden ist, scheint zwar im
theoretischen Widerspruch zu poststrukturalistischen Überlegungen
Foucaults und anderer über die unauflösbare Verstricktheit von Macht
und Widerstand. Bei interessiertem Zusammenlesen lassen sich die
beiden Theoriestränge jedoch auch als komplementär verstehen.
Holloway scheint jedenfalls weit von der Repressionshypothese
entfernt, die Foucault in den 1970ern attackiert hat. Bis zu einem
gewissen Grad überbrückt er sogar die Kluft zwischen marxistischen
Theorien und der französischen Gegenwartsphilosophie, besonders
augenfällig in der häufigen Verwendung von eher poststrukturalistisch
geprägten Begriffen wie Ereignis und Intensität.
Die Stelle, an der die Theoriebildung Holloways die staatskritische
Debatte am effektivsten weiterentwickelt, ist wohl die titelgebende,
die zwei Zeiten der Revolution. Wird Kapitalismus als Dauer
verstanden (je nachdem als ewige oder zumindest als lange Dauer), so
beschreiben herkömmliche Revolutionstheorien die Revolution als Bruch
(die diese lange Dauer des Kapitalismus unterbricht). Wenn Holloway
dagegen von zwei Zeiten der Revolution spricht, meint er damit neben
der Zeitlichkeit des Risses, des Ereignisses, des Ya Basta! jene
einer Dauer, die auf dem Terrain des Kapitalismus entsteht, aber
gegen ihn gerichtet ist oder über ihn hinausreicht. Die geduldige
Konstruktion einer anderen Welt, anderer Formen der sozialen
Beziehungen ist für Holloway gerade im Hier und Jetzt, auf der
Immanenzebene zu erproben, im globalen Zusammenfügen von Prozessen
kollektiver Selbstbestimmung, Räten und Versammlungen:
Eine neue
Welt, ein neuer Kommunismus wachsen in den Spalten oder Lücken
des Kapitalismus und gegen ihn.
Die Ungeduld des Bruchs, des
Ereignisses und die revolutionäre Geduld der konstituierenden Macht
(wie Antonio Negri das wohl nennen würde) sind nicht auf einer
Zeitlinie voneinander zu trennen, sondern gleichzeitige Phänomene,
die als komplementäre Komponenten einer revolutionären Maschine zu
verstehen sind oder auch Komponenten einer revolution. revolution
mit kleinem r, wie Subcomandante Marcos und mit ihm Holloway die
Vielheit der mikro- und makropolitischen sozialen Kämpfe benennen.
Auf der Ebene der Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitlichkeiten der
Revolution Negri nicht unähnlich, unterscheidet sich Holloways
Konzept der revolution allerdings dadurch, dass Widerstand und
Aufstand darin nicht explizit unterschieden sind. Negri spricht von
einer Dreiheit, deren Komponenten Widerstand, Aufstand und
konstituierende Macht nicht in linearer Abfolge, sondern in ständigem
Austausch befindlich zu verstehen sind. In Holloways Begriff vonRiss und Ereignis verschwimmen die kleinen Brüche alltäglicher
Widerstände mit jenen der massenhaften Insurrektion.
Der Soziologe Jens Kastner, der die Texte Holloways aus dem
Spanischen und Englischen übersetzt hat, stellt den zwischen
Theorieproduktion und Praxisreflexion abwechslungsreich changierenden
Aufsätzen in seiner kritischen Einleitung nicht nur eine kurze
Geschichte des zapatistischen Aufstands und der zapatistischen Praxis
von 1994 bis heute voran, er kontextualisiert zugleich diese
Geschichte und ihre Aufarbeitung durch Holloway in ihrer
deutschsprachigen Rezeption. Und Kastner zeichnet als Draufgabe auch
noch zwei Linien nach, die bei Holloway nur implizit, unterirdisch
vorkommen: einerseits die Nähe der zapatistischen Politik zur
Genealogie der nicht-essenzialistischen Strömungen des Anarchismus,
andererseits den Zusammenhang mit den minoritären Praxen um 1968