Die Journalistin Anne Huffschmid analysiert den Erfolg der "Diskursguerilla" der Zapatistas.
Anne Huffschmid - als Mexiko-Korrespondentin der tageszeitung bekannt - nahm schon früh die sich auf
den mexikanischen Revolutionsgeneral Emiliano Zapata berufende Befreiungsbewegung EZLN (Ejército Zapatista
de Liberación Nacional) als neuartiges politisches Phänomen wahr. In vielen Artikeln beschäftigte sie
sich mit dem "für eine revolutionäre Bewegung ungewöhnlichen Diskurs" und seinen Resonanzen. Vor
kurzem hat die lange Zeit in Mexiko-Stadt lebende Autorin ihre Doktorarbeit darüber beendet. Das jetzt
unter dem Titel Diskursguerilla: Wortergreifung und Widersinn. Die Zapatistas im Spiegel der mexikanischen
und internationalen Öffentlichkeit erschienene Buch stellt für sie "den Versuch dar, eine soziale
Rebellion wie die der Zapatistas als Text zu lesen".

Schon der Zeitpunkt des überraschenden Erscheinens der Guerilla in der Öffentlichkeit war symbolträchtig
gewählt: Als in der Nacht zum 1. Januar 1994 in Mexiko-Stadt die Champagnerkorken knallten, da die
Elite Mexikos mit dem Beitritt des Landes zum Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA) ihren
erhofften Eintritt in den Club der Ersten Welt feierte, besetzten mehrere Tausend schlechtbewaffnete
Indígenas im südlichsten Bundesstaat, in Chiapas, mehrere Gebietshauptstädte. Sie vernichteten die
Archive der Grundbuchämter und vertrieben die Großgrundbesitzer von ihren Ländereien, um sich so
eine alte Forderung aus der mexikanischen Revolution (1910-1917) anzueignen: jene nach "Land und Freiheit".

Die Zapatistas sehen sich selbst als Indígenas, als die vergessenen Ureinwohner/innen, die um ihre
Anerkennung kämpfen. "Wir sind das Produkt von 500 Jahren Kampf", so der Beginn ihrer Ersten Erklärung
aus dem Lakandonischen Urwald. Mit ihrem "Ya Basta!" ("Es reicht!") riefen sich die Indígenas Südmexikos in
die Erinnerung des "offiziellen Mexikos", das der urban geprägten "Mestizaje". So charakterisiert Anne
Huffschmid den Aufstand der Zapatistas folgerichtig als "Wortergreifung". Und seit 1994 ergriffen die
Zapatistas - trotz des mal mehr, mal weniger intensiven Krieges, der gegen sie geführt wird -,
immer wieder das Wort und die politische Initiative. Warum die Zapatistas in Mexiko soviel bewegen konnten
und auch über die "Mexiko-Bühne" hinaus bekannt geworden sind, warum sie zum Bezugspunkt für viele
Aktivist/inn/en der Antiglobalisierungsbewegung werden konnten, warum sie als Bewegung trotz eines
behaupteten "Endes der Geschichte" überleben konnten, liegt nach Ansicht der Autorin an ihrer Fähigkeit, als
"Diskursguerilla" immer wieder tief "hinter die gegnerischen Diskursfronten" zu dringen und so ihrem
Autonomiebestreben Legitimität zu verleihen. Leider spart Huffschmid in ihrer Analyse aus, wie der
indigene Autonomiegedanke von den Zapatistas mit Leben gefüllt wird. Die Selbstorganisationsprozesse
(Basisdemokratie, Bildung, Kollektivökonomie) in den sozialen Basen der EZLN werden nicht thematisiert,
obwohl der Autorin durchaus bewusst ist, dass das"diskursive nicht ohne soziale Materialität zu denken
ist [und umgekehrt]".

Methodisch nimmt Anne Huffschmid ihre "Lektüre" entlang einer "Konjunkturachse" vor, auf der sie
zwischen 1994 und 1997 neun diskursrelevante Wendepunkte ausmacht. Die über diesen Zeitraum
hinausgehenden signifikanten Ereignisse, etwa die zweite Volksbefragung der EZLN (Consulta) im März
1999, die Wahl von Vicente Fox zum Präsidenten Mexikos im Juli 2000 oder der zapatistische "Marsch der
indigenen Würde" auf die Hauptstadt im Februar/März 2001 fließen ebenfalls in ihre Arbeit ein, wenngleich
weniger systematisch.

Zunächst greift die Autorin in ihrer Diskursanalyse auf ihre eigene Lektüreerfahrung mit zapatistischen
Texten zurück, die rund 80 Kommuniqués umfasst und von denen einige im Anhang des Buches dokumentiert sind.
Dabei werden die Besonderheiten in der Symbolsprache und in der Ikonographie des "Zapatismo" hervorgehoben,
wie sie den zapatistischen Diskurs nennt. Neben Anleihen aus der mexikanischen Revolution bedient sich
der Zapatismo zunehmend seiner indigenen Wurzeln, die bis in die präkolumbianische Mayakultur zurückreichen.
Bei der im August 2003 vorgenommenen Umbenennung ihrer fünf dezentralen Versammlungsorte von Aquascalientes,
einem Begriff, der auf den Austragungsort eines Konvents der Revolutionstruppen von 1914 zurückgeht,
in Caracoles, ersetzten die Zapatistas sogar einen Begriff aus der mexikanischen Revolution durch einen
indigenen Begriff - die "Schneckenmuschel" ist ein traditionelles indigenes Symbol für Kommunikation, das
sowohl den Zugang zu den Zapatistas als auch den Ort ihrer Zusammenkunft symbolisieren soll. Im übrigen
wurden gleichzeitig die regionalen, basisdemokratisch organisierten Juntas de Buen Gobierno, die "Räte der
guten Regierung", an diesen Orten eingerichtet - gegenüber dem Mal Gobierno, der "schlechten
Regierung", wie die mexikanischen Indígenas nicht nur die gegenwärtigen, sondern bereits die
Kolonialregierungen während der Unabhängigkeitskriege im 19. Jahrhundert bezeichneten.

Auch der "Widersinn" ("Paradoxien", "eigentümliche Balance aus Pathos und Spott, Kitsch und Ironie",
"offensichtlicher Größenwahn", "Quijoterien") der"Auftritte" und politischen Offensiven der
Befreiungsbewegung und ihrer Sprecher/innen wird charakterisiert. Dabei weist die Autorin nach, dass
die Symbolik und die Ikonographie des zapatistischen Diskursrepertoires, also beispielsweise die Maske in
ihrer Leerstellen- und Spiegelfunktion oder die Nationalfahne als (die Indígenas) einschließendes
Symbol, eng mit dem verwoben sind, was sie auf der"Mexiko-Bühne" vorfinden.

So wird zum Beispiel der spannende diskursive Zweikampf beschrieben, den sich die Guerilla mit der
(jeweiligen) mexikanischen Regierung liefert, und der mit dem Amtsantritt von Präsident Vicente Fox und der
Ablösung einer 70 Jahre dauernden Ein-Parteien-Herrschaft einen vorläufigen Höhepunkt
erreicht. Bei diesem Ereignis eignete sich der amtierende Präsident sogar Diskurspraktiken der
Zapatistas an, so zum Beispiel mit dem gegen die vormalige Regierungspartei gerichteten Wahlkampfslogan
"Ya!" ("Genug!"). Gegenüber dem Zapatismo kreierten die Wahlkampfstrategen erfolgreich einen Foxismo.

Einen anderen Resonanzboden für den Zapatismo bilden überwiegend mexikanische und vereinzelt auch latein-
und nordamerikanische sowie europäische Intellektuelle. Die Autorin unterscheidet "Fans und
Verteidiger", "Sympathisanten und Skeptiker","wohlwollende Gegner" und "erklärte Feinde" der
Zapatistas. Bei allen Unterschieden erkennt der weit überwiegende Teil der keineswegs als repräsentativ
geltenden Gruppe von Intellektuellen die Legitimität des zapatistischen Aufstandes und der indigenen
Autonomieforderungen an. Nur die starrköpfigsten Wiedergänger des alten mexikanischen Establishments
wollen zum Beispiel "in Chiapas keine Armut gesehen" haben. Einer der großen Vorzüge dieses Buches ist der
umfassende Einblick in die zahlreichen Wortmeldungen von mexikanischen und lateinamerikanischen
Intellektuellen, der dem deutschsprachigen "Publikum" ermöglicht wird. Außerdem werden Auszüge aus diversen
Briefwechseln zugänglich gemacht, die der Sprecher der EZLN und Verfasser der meisten Kommuniqués,
Subcomandante Marcos, führte.

Einen weiteren sehr umfangreichen Resonanzboden bildet die mexikanische und internationale Presse. Als
Textkorpora dienen für die Untersuchung je Land zwei Tages- sowie ein bis zwei Wochenzeitungen, und zwar
aus Mexiko, der Bundesrepublik, Frankreich und den USA. Untersucht werden Artikelüberschriften und
sogenannte leads, also weiterführende Überschriften von Artikeln, in denen die Zapatistas vorkommen. An
dieser Stelle wird deutlich, dass die Oberflächlichkeit, mit der in der internationalen
Presse über den zapatistischen Aufstand berichtet wurde und wird, seine Identifikation als indigener
Kampf um Anerkennung und Autonomie weitgehend verhindert.

Schließlich wird der internationale Resonanzraum des Zapatismo innerhalb des Internet vor allem anhand von
Homepages und Texten von Seiten der Solidaritätsbewegung, sowie der
Antiglobalisierungsbewegung oder von "linkslibertären Autonomen" gebildet. Während hier die Wirkungen und
Einflüsse des Zapatismo vermutlich am stärksten waren, wie die Autorin einräumt, widmet sie sich diesem
Phänomen jedoch eher am Rande. Das Phänomen der EZLN als Diskursguerilla grenzt sie eindeutig von der
falschen These der "Medien-" oder "Cyberguerilla" ab, da vor allem die frühen Veröffentlichungen der Kommuniqués, aber auch anderer Texte, eher "von außen" als von der Guerilla selbst vorgenommen wurden: "Von der Schreibstube des Subcomandante zum nächstgelegenen Modemanschluss gelangen die Manuskripte nach wie vor per Esel, Jeep oder Fußmarsch an den militärischen Kontrollen vorbei." Gleichwohl kam den Zapatistas die Technik des Internet für die Verbreitung ihrer Kommuniqués sehr gelegen. Aber "das Internet trägt eher zur quantitativen Beschleunigung als zur qualitativen Vertiefung des zapatistischen Networking bei. Die wesentliche Waffe bleibt eine ungleich
rudimentärere Kommunikationstechnologie, nämlich das gesprochene oder geschriebene Wort."