Frieden durch Kapital 

Artikel, erschienen in der Jungle World vom  18.4.2001

Der mexikanische Südosten braucht den Fortschritt«, verkündete  Mexikos Präsident Vicente Fox kürzlich vor zentralamerikanischen  Unternehmern und den Gouverneuren der südlichen Bundesstaaten  des Landes. Die illustre Runde war von Fox eingeladen worden, um  der ersten öffentlichen Vorstellung des Industrialisierungs- und  Modernisierungsprogramms Plan Puebla-Panama beizuwohnen. 

»Gewalt ist keine Lösung«, fuhr Fox mit Blick auf die Zapatisten fort.  Denn für seine Regierung liegt der Schlüssel zur Befriedung des  unruhigen Südens in der umfassenden Markteinbindung und  Kapitalisierung. Der Plan Puebla Panama solle gewährleisten, so Fox,  dass die »Früchte der Globalisierung in allen Teilen Mexikos  ankommen«. Bei einem Treffen mit Kolumbiens Präsidenten Andrés  Pastrana und Venezuelas Staatschef Hugo Chavez Anfang April in  Caracas stellte Fox das Projekt in den richtigen Kontext. Es sei »ein  Schritt mehr auf dem Weg zu einem kontinentalen  Freihandelsabkommen«, wie es  unter dem Namen Free Trade Area of the Americas  (FTAA) am  kommenden Wochenende von den amerikanischen Regierungschefs in  Quebec abgesegnet werden soll. 

Mit dem Plan Puebla Panama will die Regierung Fox »mittelfristig  einen grundlegenden strukturellen Wandel im Süden und Südosten  des Landes einleiten«, heißt es in einem ihrer Dokumente. Von  zentraler geostrategischer Bedeutung dafür ist der Isthmus von  Tehuantepec. Nur etwa 300 Kilometer trennen hier den Golf von  Mexiko vom Pazifik. Nach einer bereits vor mehreren Jahren von den  Regierungen der beiden Bundesstaaten Oaxaca und Veracruz sowie  dem nationalen Verkehrsministerium (SCT) in Auftrag gegebenen  Projektplanung, soll als Rückgrat für  ein regionales Industrialisierungsprojekt eine moderne  Verkehrsverbindung zwischen den Ozeanen entstehen, die  den Panama-Kanal entlastet. Die Eisenbahnstrecke durch  den Isthmus soll für den Containerverkehr modernisiert  und die Häfen sollen an ihren Endpunkten ausgebaut  werden. 

Die Landenge zählt zu den ökologisch wertvollsten und an Bodenschätzen reichsten Regionen Mexikos. Auf der Golfseite werden 90 Prozent des mexikanischen Erdöls gefördert. Andererseits ist der Isthmus aber auch eine der ärmsten ländlichen Zonen mit mehrheitlich indigener Bevölkerung. Im Osten stößt das rebellische Chiapas an den Isthmus, der im Westen von den konfliktreichen  Bergregionen Oaxacas begrenzt wird; hier können die Revolutionäre Volksarmee (EPR) und andere  Guerillagruppen auf eine bedeutende Basis zählen. 

Entlang der modernisierten Transportwege sollen zahlreiche industrielle Projekte angesiedelt werden. Geplant sind insbesondere die Einrichtung von  Exportproduktionszonen und Billiglohnindustrie, den so genannten Maquialadoras, sowie die Ansiedlung weiterer  petrochemischer Betriebe. Ein Aspekt des Plans scheint  auch die Migrationspolitik zu sein. Bisher zogen jährlich Hunderttausende Bewohner der Region auf der Suche  nach Arbeit, die es in der Landwirtschaft nicht mehr gibt, nach Norden, um in die USA zu gelangen. Oft landeten sie dabei in den Billiglohnfabriken an der Grenze. Eine Maquiladorazone am Isthmus könnte den Migrationsstrom zumindest teilweise ablenken und auch viele MigrantInnen aus Zentralamerika aufnehemen, die auf dem Weg in die  USA sind. 

Eine Schlüsselrolle in der Entwicklung des Plan Puebla  Panama spielt der Mulitmillionär Alfonso Romo, der Präsident des Unternehmenskonsortiums Grupo Pulsar. Der in mehr als 120 Ländern aktive Konzern, der einschließlich zahlreicher Subunternehmen über 100 000 Menschen  beschäftigt, gehört zu den wichtigsten Produzenten von  genverändertem Saatgut. In Südmexiko hat Pulsar gegen  den Widerstand von Kleinbauern großflächige  Monokulturen im Eukalyptusanbau für die Papierproduktion angelegt. Darüber hinaus hat das Unternehmen begonnen,  in den Regenwäldern von Chiapas den biologischen  Reichtum für Genforschungsvorhaben zu nutzen.  Mitarbeiter von Pulsar und anderer Gentechunternehmen  verschicken wöchentlich Hunderte von Proben zur  Untersuchung in ihre Labors. 

Der mexikanische Journalist Carlos Fazios sieht im Plan  Puebla Panama den Versuch, die subsistenzorientierten Kleinbauern Südmexikos zu »proletarisieren«, um sie in  »billige Arbeitskräfte für die transnationale Agroindustrie  und den Maquila-Sektor« zu verwandeln. Damit sei das  Projekt »das wirtschaftliche Gesicht des geheimen  militärischen 'Plan Chiapas 2000'«, der 'freundlichen'  Aufstandsbekämpfungsstrategie des Verteidigungsministeriums«, schreibt er in der Tageszeitung  La Jornada. 

Mit dem Plan Puebla Panama versucht die neue  rechtskonservative Regierung Mexikos, die anstehenden Verhandlungen mit den Zapatistas aus Chiapas für die wirtschaftliche Modernisierung zu instrumentalisieren. Fox  will die Region befrieden, um die kapitalistische  Inwertsetzung des mexikanischen Südens für die globalisierte Produktion zu ermöglichen. 

Die von den Zapatisten geforderte Umsetzung der  Vereinbarungen von San Andres über indianische Rechte und Kultur steht jedoch einem neoliberalen Modernisierungsprojekt diametral entgegen. Die Vorschläge der parlamentarischen Friedenskommission Cocopa sehen unter anderem eine Veränderung des Artikels vier der mexikanischen Verfassung vor. Nach der Reform würde es dem  mexikanischen Staat nicht mehr zustehen, ohne die Zustimmung der indianischen  Communities Eingriffe vorzunehmen, die ihr Lebensumfeld verändern. Selbst die  Ausbeutung von Naturressourcen wie Erdöl wäre dann nur unter Einbeziehung der betroffenen Dörfer möglich. 

Nun steht eine langwierige Auseinandersetzung an. Der Gouverneur von Chiapas,  Pablo Salazar Mendiguchía, betont, der Plan wolle »zweifellos die ökonomischen  Verhältnisse der Bevölkerung verbessern und für Wohlstand sorgen«. Fazio ist da  ganz anderer Meinung. »Der Plan Puebla Panama ist die Antithese zu den Vereinbarungen von San Andres«, schreibt er in La Jornada vom 24. März. 

Auch die Unternehmer sehen das Problem. Anfang März publizierte der größte  mexikanische Unternehmerverband Coparmex eine Anzeige, in der Fox davor gewarnt  wurde, dass eine Annahme des Abkommens mit den  Zapatistas den »Tod des Plan Puebla Panama« bedeute.  Nach dem Auftritt der Zapatisten vor dem mexikanischen  Kongress Ende März forderte Coparmex, ebenfalls zu dem  »Gesetz über indianische Rechte und Kultur« gehört zu  werden, schließlich könne das Gesetz »Investitionen in  bestimmten Regionen unmöglich machen«. 

Bereits Mitte Februar hatte der guatemaltekische  Kongress eine gemeinsame Truppenübung der US- amerikanischen- und der guatemaltekischen Armee in der Region El Peten, dem guatemaltekischen Grenzgebiet zu  Chiapas, genehmigt. Der Peten schließt an den  lakandonischen Urwald an, wo die Zapatistas einen guten Teil ihrer sozialen Basis haben. Am 18. Februar  kommentierte der Journalist Juan Antonio Zuniga das  Manöver in La Jornada: »Das Interesse der US-amerikanischen Streitkräfte und der Weltbank in der Region scheint mit dem Vorhaben der Regierung des Präsidenten Vicente Fox einherzugehen, den Südosten Mexikos in die kapitalistische Globalisierung zu integrieren.«