Der Weg eines Reifenwerks von Conti zur Selbstverwaltung

Am Mittwoch vergab das "Public Eye" in Davos zum ersten Mal den Positive Award fuer erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Nichtregierungsorganisationen.

Einheitslohn, Selbstverwaltung und die Fabrik im Besitz der Beschaeftigten.

Vor vier Jahren haette Federico Martínez wohl nur muede gelaechelt, wenn man ihm gesagt haette, dass er eines Tages unter solchen Bedingungen wieder in seinem Betrieb arbeiten werde. «Es sah nicht gut aus», erinnert sich der Maschinenmechaniker. Viele hatten das Reifenwerk Euzkadi schon abgeschrieben.

Anfang 2002 gehoerte der Betrieb in El Salto nahe der mexikanischen Stadt Guadalajara noch dem deutschen Konzern Continental, und der hatte das Werk gerade aus Rentabilitaetsgruenden geschlossen. Die Mitglieder der Betriebsgewerkschaft Sindicato Nacional Revolucionario de Trabajadores de Euzkadi (SNRTE) traten daraufhin in einen Streik. Drei Jahre lang kaempften sie fuer die Wiedereroeffnung, die mageren Entschaedigungsangebote lehnten sie ab. Dann liess sich der Hannoveraner Konzern auf einen ungewoehnlichen Kompromiss ein: Anstatt die ausstehenden Loehne zu bezahlen, ueberschrieb er
die Haelfte des Betriebs einer Genossenschaft der ArbeiterInnen. Die andere Haelfte uebernahm der mexikanische Reifengrosshaendler Llanti Systems. Continental verpflichtete sich zudem, in den ersten Monaten technische Hilfe zu leisten, Rohstoffe zu guenstigen Preisen zu liefern und jaehrlich mindestens 500 000 Reifen abzunehmen. Die mexikanische Regierung ihrerseits verzichtete auf Steuern und half mit einer Finanzspritze von fuenfzig Millionen Pesos (etwa sechs Millionen Franken).

«Die Angestellten haben beschlossen, dieses Angebot zu akzeptieren», erzaehlt Martínez. Das war die Geburtsstunde der Kooperative der Arbeiter des Westens (Tradoc). Seit Anfang letzten Jahres betreibt Tradoc das Werk gemeinsam mit Llanti Systems. Die meisten der 604 am Streik beteiligten Beschaeftigten arbeiten nun wieder im Betrieb. Durch die Ueberschreibung der ausstehenden Loehne und Entschaedigungen sind sie an der Kooperative beteiligt. Nicht nur die Eigentumsverhaeltnisse haben sich geaendert.
Martínez, der einst Maschinen gewartet hat, repraesentiert Tradoc heute auch nach aussen. Zudem ist er fuer Abfallentsorgung und Recycling verantwortlich. «Die Arbeiter uebernehmen alles, auch die gesamte Planung»,
sagt Exgewerkschafter Jesús Torres Nuño. Der ehemalige SNRTE-Vorsitzende und radikale Arbeitervertreter ist heute Mediensprecher des Unternehmens. Eine Umstellung? «Nein, wir sind ja eher Genossenschafter als Unternehmer.» Eine Kooperative sei fuer GewerkschafterInnen die passende Betriebsform. «Wir
fuehlen uns nicht ausgebeutet, weil der erwirtschaftete Reichtum unter allen verteilt wird.»

Allerdings raeumt der frischgebackene Unternehmenssprecher ein, dass dieser Reichtum bescheiden ist. «Wir sind weit entfernt von den Loehnen, die frueher ausgezahlt wurden», sagt Torres Nuño. JedeR ArbeiterIn erhaelt 6000 Pesos (etwa 730 Franken) monatlich. «Das ist nicht viel, aber es reicht zum Ueberleben.» Noch laesst die Produktivitaet zu wuenschen uebrig. Seit Mitte letzten Jahres laufen in El Salto wieder Reifen vom Band, derzeit etwa 3500 taeglich. «Damit der Betrieb keine Verluste schreibt, muessen es jedoch mindestens 5000 sein», sagt Torres Nuño. Er macht die knappen Lieferungen des wichtigsten Rohstoffes Erdoel fuer den geringen Ausstoss verantwortlich. Nach dem Hurrikan Katrina laegen immer noch viele Raffinerien in Texas, von
denen man das Material bezogen habe, still. Dennoch ist Torres Nuño optimistisch: «Bis zum Jahresende werden wir bei 5000 Reifen pro Tag sein. Wenn nicht, tragen die Arbeiter im Gegensatz zu frueher das volle
Betriebsrisiko.»

Die deutsche Continental hatte das Euzkadi-Werk im Jahr 1998 gekauft und wollte die geltenden Tarifregelungen aushebeln. Die Arbeitszeit sollte auf zwoelf Stunden erhoeht und die Gewerkschaftsfuehrer entlassen werden. Als sich die Beschaeftigten wehrten, schloss der Konzern den Betrieb und setzte
alle 1164 ArbeiterInnen auf die Strasse. Ein Teil der Entlassenen akzeptierte Entschaedigungszahlungen, etwa die Haelfte kaempfte mit der SNRTE fuer eine Wiedereroeffnung. Ohne Einnahmen, voellig auf die Hilfe von
Familie und FreundInnen angewiesen, wurde der Kampf zum unglaublichen Kraftakt. Dennoch blieben sie standhaft. Immer wieder reisten Delegationen nach Deutschland, sprachen mit GewerkschafterInnen, PolitikerInnen und auf Continental-Aktionaersversammlungen. Auch internationale Menschenrechts- und
Entwicklungsorganisationen wie Foodfirst Information and Action Network (FIAN) und Germanwatch (s. ganz unten) setzten sich fuer die ArbeiterInnen ein.

Mehrere mexikanische Gerichte gaben den Euzkadi-ArbeiterInnen Recht, der Reifenmulti legte jedoch regelmaessig Rekurs ein. Das Unternehmen geriet zunehmend unter Druck: In Deutschland erschienen kritische Presseberichte, in Mexiko befand das hoechste zustaendige Gericht den Arbeitskampf fuer rechtens. Die Hannoveraner wurden verpflichtet, 27 Millionen Euro (rund vierzig Millionen Franken) Lohnrueckstaende zu zahlen. Continental musste also verhandeln, und so einigten sich SNRTE, Llanti Systems und der Konzern
am 17. Januar 2005 auf eine Wiedereroeffnung des Werks. Bei der Unterzeichnung war auch Mexikos Praesident Vicente Fox anwesend. Die Vereinbarung sei eine «exzellente Alternative», um den «vermeintlichen
Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital» zu ueberwinden, meinte der konservativ-liberale Staatschef.

Zuvor hatte sich die Regierung lange Zeit gegen den Kampf der Euzkadi-ArbeiterInnen gestellt. Trotzdem kommt heute selbst von Exgewerkschafter Federico Martínez kein schlechtes Wort ueber die VerhandlungspartnerInnen. «Regierung und Continental haben sich an alle Vereinbarungen gehalten», sagt er. Auch die Zusammenarbeit mit Llanti Systems funktioniere reibungslos. Fuer Torres Nuño hat das
Kooperationsprojekt geradezu Modellcharakter: «Wir haben den Anfang fuer eine Reihe von Loesungen dieser Art geschaffen, schliesslich sind in Mexiko viele Unternehmen von der Schliessung bedroht.»

Die Einigung hatte aber noch weitere Konsequenzen. Die SNRTE galt als wichtigste Gegnerin der von Fox geplanten Abschaffung des arbeitsrechtlichen«Vertragsgesetzes», das bisher eine Ausweitung der Rechte transnationaler Konzerne in Mexiko verhinderte. Von der Gewerkschaft zur Unternehmerin konvertiert, hat die SNRTE diese Opposition aufgegeben. «Das war der Preis», raeumt SNRTE-Berater Enrique Gómez ein. «Aber was haetten wir anderes tun sollen?»

Der Vorschlag eines Arbeiters, dass Llanti Systems den gesamten Betrieb aufkauft und die SNRTE als Gewerkschaft erhalten bliebe, stiess bei Llanti auf Ablehnung: «Als Geschaeftspartner wollen wir sie gerne, aber als Gewerkschafter nicht.»

Quelle: http://www.woz.ch/artikel/newsletter/12864.html