Trotz politischer Turbulenzen ist die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas
stabil
Seit Dezember 2006 ist Felipe Calderón Präsident Mexikos, heute führt ihn
seine erste große Auslandsreise nach Deutschland. Er will er vor allem
potenzielle Investoren von seinem Land überzeugen und den Handel mit Europa
beleben.
Wenn Felipe Calderón diese Woche auf dem alten Kontinent
eintrifft, wird er viele Fragen beantworten müssen: Wie er die sozialen
Disparitäten in der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas ausgleichen, des
Kriegs der Drogenkartelle Herr werden und mit der fehlenden Legitimität in
Teilen der Bevölkerung umgehen will. Rund 50 Tage ist der konservative
Politiker jetzt im Amt. Von Donnerstag an ist er unterwegs in Deutschland,
Großbritannien, Spanien und besucht das Weltwirtschaftsforum in Davos.Calderón ist gut beraten, vor der Wirtschaftselite Flagge zu zeigen und zu
beweisen, dass er in Mexiko alles im Griff hat, sagt Johannes Hauser,
Vertreter der deutschen Wirtschaft in Mexiko.
Quelle: La Jornada
Denn seit der Präsidentenwahl im Juli hat das Land vor allem negative
Schlagzeilen geliefert: monatelanges Chaos nach der Wahl, ein
selbsternannter Gegenpräsident, ein Bundesstaat im faktischen Bürgerkrieg
und tausende Tote im Kampf der Drogenkartelle. Nur die Märkte hat das kalt
gelassen. Die Wirtschaft wuchs 2006 um 4,6 Prozent und damit so stark wie
lange nicht mehr. Die Börse legte um fast 50 Prozent zu, und auch der Peso
blieb trotz der politischen Turbulenzen stabil. Längst hat sich die
Wirtschaft in dem nordamerikanischen Land weitgehend von der Politik
abgekoppelt.
In den vergangenen Jahren hat sich das Schwellenland zur vierzehntgrößten
Volkswirtschaft und siebtgrößten Exportnation weltweit entwickelt. Ein
halbes Dutzend mexikanische Großunternehmen mischen auf dem Weltmarkt mit.
Gleichzeitig aber geht die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander:
Während der Telekommunikationsunternehmer Carlos Slim mit rund 35 Milliarden
Dollar Privatvermögen der drittreichste Mensch der Welt ist, überleben 17
Millionen seiner Landsleute laut Weltbank mit einem Dollar pro Tag, weitere
26 Millionen mit zwei Dollar. Gemäß einer UN-Studie herrscht in manchen
ländlichen Bundesstaaten Mexikos die Lebensqualität des afrikanischen
Armutslandes Sierra Leone.
Anders als die neu gewählten Linkspräsidenten Südamerikas setzt Calderón
nicht so sehr auf staatliche Interventionen, um soziale Missstände
auszugleichen. Er will vor allem die Kräfte des Marktes stärken und so mehr
und höher bezahlte Arbeitsplätze schaffen. Dabei hofft er offenbar, Kapital
anzuziehen, das Anleger aus anderen Ländern Lateinamerikas abgezogen haben.Jede Investition, die woanders aus Angst abfließt, ist in Mexiko stets
willkommen, sagte der Präsident kürzlich.
Mit seiner Europa-Reise will Calderón vor allem die Wirtschaftsbeziehungen
mit dem alten Kontinent stärken. Denn noch immer hinkt der Handelsaustausch
Mexikos mit Europa dem mit dem Haupthandelspartner USA weit hinterher. Daran
konnte auch das Freihandelsabkommen aus dem Jahre 2000 nicht viel ändern.
Mexiko wickelt nur acht Prozent seines Außenhandels mit Europa ab, während
82 Prozent im Rahmen der Nordamerikanischen Freihandelszone Nafta mit den
USA getätigt werden.
Trügerische Ruhe
Dank des Freihandelsabkommens hat Europa immerhin die Prozente wieder
aufgeholt, die es nach Inkrafttreten der Nafta 1994 verloren hatte, sagt
Giselher Foeth, Vize-Geschäftsführer der Deutsch-Mexikanischen Handelskammer
Camexa. Wobei vor allem die Mexikaner kaum die Chancen des Abkommens nutzen,
weil ihnen die unterschiedlichen Anforderungen der einzelnen Märkte in
Europa zu kompliziert sind.
Innerhalb Europas ist Deutschland vor Spanien der größte Wirtschaftspartner
Mexikos. Deutsche Unternehmen tragen etwa sechs Prozent zum mexikanischen
Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. Vergangenes Jahr lieferten deutsche
Unternehmen Waren und Dienstleistungen für 9,6 Milliarden Dollar nach
Mexiko. Tendenz steigend. Damit das so bleibt, will Calderón in Berlin vor
der Lateinamerikainitiative der Deutschen Wirtschaft für sein Land werben. Mexiko ist ein hervorragender Platz für Investitionen, betonte er
wiederholt. Wenn wir alles richtig machen, können wir 2050 zu den fünf
größten Wirtschaftsmächten der Welt gehören. Auch Johannes Hauser hält
Mexiko für einen guten Platz für Geschäfte. Die Nähe zu den USA, der eigene
Binnenmarkt mit 105 Millionen Menschen und die zahlreichen
Freihandelsabkommen, die Marktpräferenzen in 43 Staaten garantieren, sind
die stärksten Argumente, sagt der Wirtschaftsrepräsentant. Hinzu kommt
makroökonomische Stabilität.
Die politischen Turbulenzen des vergangenen Jahres halten die Experten
vorerst für überwunden. Allerdings steht Calderón vor der Herausforderung,
die soziale Situation der rund 45 Millionen in Armut lebenden Mexikaner zu
verbessern, sonst könnte sich die augenblickliche Ruhe im Land schnell als
trügerisch erweisen. Klaus Ehringfeld
© Frankfurter Rundschau
Deutschlandausgabe (Nr. 21)