Immer mehr US-Pensionäre erwerben eine Immobilie an den Küsten des Golfs von Kalifornien. Die mexikanische Regierung fördert diese Entwicklung mit einem touristischen Großprojekt - mit gravierenden sozialen und
ökologischen Folgen für die betroffenen Regionen
Telepolis - Andreas Henrichs 19.01.2008
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Nach Angaben (1) der mexikanischen Bank BBVA-Bancomer hat sich die Zahl
der in Mexiko als Ruheständler lebenden US-Bürger in den letzten zehn
Jahren auf rund eine Million erhöht. In diesem Segment stellt diese
Personengruppe damit ein Viertel der sogenannten "expatriates", d.h. der
US-Amerikaner, die dauerhaft außerhalb ihres Heimatlandes leben und im
Falle Mexikos von den - im Vergleich zu den USA - geringen
Lebenshaltungskosten profitieren.
Die ländlichen Gebiete Mexikos mit einer Bevölkerung von derzeit 24,8
Millionen Menschen, haben etwa im gleichen Zeitraum ein Viertel ihrer
15- bis 24-jährigen Bewohner eingebüßt, die als Arbeitsemigranten in die
mexikanischen Städte oder die Vereinigten Staaten abgewandert sind und
Mexiko in den weltweit größten Exporteur menschlicher Arbeitskraft
verwandelt haben ( Emigranten sind Mexikos wichtigster Exportartikel
(2)). Hauptursache für diese Entwicklung sind die stetig gesunkenen
Verkaufserlöse für landwirtschaftliche Produkte wie Mais und Bohnen -
eine Folge der massenhaften und billigen Importe aus Kanada und den USA
seit Inkrafttreten des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA)
am 1. Januar 1994. Mit Beginn des Jahres 2008 sind vertragsgemäß die
letzten Importbeschränkungen für Mais, Bohnen, Zucker und Milchpulver
gefallen und drohen die schwierige Situation der mexikanischen
Landwirtschaft noch weiter zu verschärfen.
Die mexikanische Regierung unter Präsident Felipe Calderon von der
rechtsgerichteten Partei der Nationalen Aktion ( PAN (3)) versucht
diesem negativen Trend entgegen zu steuern und setzt wie bereits die
Aministration seines Vorgängers Vicente Fox (PAN) verstärkt auf
Investitionen im Tourismussektor, die aktuell auf die stetig wachsende
Gruppe von US-Pensionären abzielen, die unter der Sonne Mexikos ihren
Lebensabend verbringen möchten. Über den staatlichen Fonds zur Förderung
des Tourismus ( FONATUR (4)) wurden entsprechende Projekte initiiert,
die bereits zu gewalttätigen Konflikten um vormals nahezu wertlose
Grundstücke geführt haben und mit dem Golf von Kalifornien eines der
artenreichsten Gewässer dieses Planeten bedrohen.
Immobilien als Altersicherung
Die 78 Millionen, zwischen 1946 und 1964 geboren US-Bürger der
Babyboomer-Generation sind in den Vereinigten Staaten die Personengruppe
mit der wohl höchsten Affinität zur eigenen Immobilie. Laut einer Studie
(5) der Nationalen-Makler-Vereinigung (NAR) besitzen fast 80% ein
eigenes Haus, 13% zusätzlich noch ein oder mehrere Grundstücke und 8%
mindestens ein Mietobjekt. 57% aller Ferienhäuser und Zweitwohnsitze in
den USA gehören ebenfalls einem jener Babyboomer, die über einüberdurchschnittlich hohes Einkommen von ca. 120.600 US-Dollar pro Jahr
verfügen. Das eigene Haus spielt eine zentrale Rolle bei der
finanziellen Absicherung des Ruhestandes, da nur 18% der außerhalb des
staatlichen Sektors beschäftigten Angestellten auf eine den
Lebensstandard sichernde Rentenzahlung hoffen (6) können.
Viele der 43 bis 61 Jahre alten Immobilienbesitzer haben ihr gesamtes
Kapital in Objekte investiert, die in den USA "McMansion" genannt
werden. Es sind jene großen, in einer Vorstadtsiedlung gelegenen Häuser
von der Stange, mit mehr als vier Schlafzimmern, einer Garage für drei
Autos, extra hohen Decken und luxuriösen Badezimmern mit Whirlpool.
Angeboten werden sie unter Namen wie "Grand Michelangelo", "Hemingway"
oder "Hibiscus". Kritiker verspotten diese übergroßen Gebäude im
Zuckerbäckerstil gerne als "Garage Mahals" oder "Faux Chateaux".
Der Wert dieser Immobilien übersteigt nicht selten die
Eine-Millionen-US-Dollar-Marke, doch durch die stark gestiegenen
Energiepreise in den Vereinigten Staaten und die hohen Grundsteuern ist
ihr Unterhalt extrem teuer geworden. Monatlich laufende Kosten von 1000
US-Dollar und ein Steuerbescheid über 25.000 US-Dollar sind inzwischen
keine Seltenheit mehr und machen diese Häuser, die einst als Heim für
eine große Familie und als vermeintlich sichere Geldanlage für den
Ruhestand erworben wurden, inzwischen schwer verkäuflich (7). Sie
bleiben deutlich länger am Markt und sind oft nur noch mit erheblichen
Preisabschlägen zu verkaufen.
Dieser Trend wird sich in den nächsten zwei Jahrzehnten noch weiter
verschärfen, wenn immer mehr Babyboomer das Rentenalter erreichen (8)
und einen großen Teil der landesweit ca. 3,2 Millionen McMansions auf
dem Immobilienmarkt anbieten werden, um sich ein kleineres, billiger zu
unterhaltendes Haus zu kaufen. Ob die Differenz aus diesen Transaktionen
dann noch ausreichen wird ganz oder teilweise den Lebensabend zu
finanzieren, ist mehr als fraglich, weil gleichzeitig die Preise für
diese kleineren Objekte weiter steigen und die nachfolgende Generation-X
wenig Gefallen an dem Lebens- und Wohnmodell ihrer Vorgänger findet.
Einen Ausweg aus diesem Dilemma könnte für immer mehr betroffene
Pensionäre die Übersiedlung nach Mexiko bedeuten. Die Grundsteuern sind
vergleichsweise moderat, die Lebenshaltungskosten günstig und die
medizine Versorgung erschwinglich - ein wichtiges Argument für
diejenigen Babyboomer, die zu den 47 Millionen US-Amerikanern ohne eine
Krankenversicherung gehören.
Nach Angaben (9) von Leonardo González Tejeda, Ökonom der BBVA-Bancomer,
erwerben die us-amerikanischen Käufer jedoch häufig überteuerte
Immobilien und bezahlen in Einzelfällen bis zu 3 Millionen US-Dollar für
eine Luxus-Residenz. Der durchschnittliche Verkaufspreis für ein Haus
beträgt bereits ca. 200.000 US-Dollar, während er laut einer Studie (10)
der NAR in den USA im Jahr 2007 mit $217.600 nur wenig höher lag.
75% der Neueinwanderer bevorzugen laut González Tejeda bei der Wahl
ihres Wohnortes ländliche Gebiete oder Dörfer - mit den höchsten
Zuwachsraten in den letzten Jahren in Baja California Sur, Baja
California und Sonora -, 38% wählen eine spezielle Wohnanlage für
Pensionäre und nur 12% zieht es in die Städte.
Kakteen, Sand und Meer
Bereits vor mehr als einem Viertel Jahrhundert entwickelte die
staatliche Behörde FONATUR unter ihrem damaligen Leiter Guillermo Rosell
ein Konzept zur touristischen Erschließung der kargen und nur spärlich
besiedelten Küstenregionen des Golfs von Kalifornien, das neben
zahlreichen Hotels die Konstruktion einer einer ganzen Kette von
Yachthäfen vorsah. 1982 nahmen in Loreto, Baja California Sur, die
ersten Hotels mit einer Gesamtkapazität von 454 Zimmern ihren Betrieb
auf, doch trotz der ehrgeizigen Pläne der mexikanischen Regierung
verzeichnete die Region in jenem Jahr lediglich 46.000 Besucher. Danach
dümpelte das "Escalera Náutica" betitelte Projekt jahrelang erfolglos
vor sich hin, bis es im Jahre 2001 durch den frischgewählten Präsident
Vicente Fox (PAN) wiederentdeckt und unter dem neuen Namen "Mar de
Cortés" der mexikanischen Öffentlichkeit als "neue Ikone des
mexikanischen Tourismus und ein Fenster der Hoffnung für die Zukunft"
präsentiert wurde.
Unter dem neuen FONATUR-Chef John McCarthy wurde der Kreis der
einbezogenen Bundesstaaten Baja California, Baja California Sur, Sonora,
und Sinaloa noch um Nayarit erweitert und neben dem Bau von Flughäfen,
Tankstellen, Golfplätzen und einer Brücke zwischen der Halbinsel und dem
Festland auch noch die Planung weiterer Yachthäfen bekanntgegeben,
obwohl die bereits bestehenden Einrichtungen kaum genutzt wurden und
langsam verfielen. Vier Jahre später und ungeachtet einer
Investititionssumme von 120 Millionen US-Dollar blieb das Projekt jedoch
vorrangig durch unvollendete Bauvorhaben gekennzeichnet, die wie die
geplante Festlandanbindung wegen fehlender Baugenehmigungen und
Umweltgutachten von der mexikanischen Bundesbehörde zum Schutz der
Umwelt (PROFEPA) und dem Verkehrsministerium (SCT) suspendiert wurden.
Kritiker der Regierung Fox bezeichneten (11) das gesamte Vorhaben als"Phantom" und Ricardo Juárez Palacios, ein leitender Direktor des
mexikanischen Umweltministeriums (SEMARNAT) musste bei einem Besuch Baja
Californiens Anfang 2005 konsterniert feststellen: "Es gibt absolut nichts".
Weltkulturerbe in Gefahr
Die Bemühungen der mexikanischen Regierung einen exclusiven
Yachttourismus auf der Halbinsel und den Anrainerstaaten des Golfs von
Kalifornien zu etablieren, waren zwar nur bedingt erfolgreich, doch
private Investoren aus den USA, Kanada und Europa haben in den letzten
Jahren das Potential der Region als Refugium für sonnenhunrige
Pensionäre und Langzeiturlauber für sich entdeckt und unterstützt durch
die mexikanischen Behörden mit der Realisierung umfangreicher
Bauvorhaben begonnen.
So errichtet z.B. in Loreto, Baja California Sur, das kanadische
Unternehmen Loreta Bay Company (12) neben 1600 Hotelzimmern auch noch
6374 Wohnungen, 4571 Villen, einen Golfplatz, ein Spa-Bad, Restaurants,
ein Einkaufszentrum sowie Kultur- und Freizeiteinrichtungen. Eine Gruppe
us-amerikanischer Investoren aus dem Bundestaat Arizona realisiert -
ebenfalls in Loreto - auf 3458 Hektar unter dem Namen "Golden Beach" ein ähnliches Projekt. Weiter nördlich, in San Bruno plant das spanische
Unternehmen Fadesa auf 3000 Hektar die Investition von 5 Millionen
US-Dollar in seine Wohn- und Hotelanlage "Loreto Paraíso".
Fernando Arcas, Sprecher der Umweltschutzorganisation Antares bezeichnet
(13) die Entwicklung in Loreto als "chaotisch und zerstörerisch", und
warnt besonders vor der drohenden Versalzung des Grundwassers durch den
Raubbau an den spärlichen Süßwasserreserven. Antares kritisiert (14),
dass schon jetzt die touristischen Einrichtungen zu Lasten der lokalen
Bevölkerung großzügig mit Trinkwasser versorgt werden und kein Konzept
für die adäquate Unterbringung der Bauarbeiter und ihrer Familien existiert.
Greenpeace Mexico forderte (15) bereits im November 2006 die
mexikanische Regierung nachdrücklich auf, den von dem französischen
Meeresbiologen Jacques Cousteau wegen seiner biologischen Artenvielfalt
als "Aquarium der Welt" bezeichneten Golf von Kalifornien ausreichend zu
schützen und seinen im September 2005 von der UNESCO verliehenen Status
als Weltkulturerbe der Menschheit zu respektieren. Die Organisation
bezeichnet den ungebremsten Bauboom an den Küsten des Golfs und die
dadurch verursachten Probleme wie die Einleitung von ungeklärten
Abwässern, die Versalzung der Süßwasserreserven und die Zersiedlung
weitgehend unberührter Landstriche als ernste Gefahr für eine Region,
die ein Drittel der weltweit bekannten Kakteen- sowie 40% aller
Meeressäugetierarten beherbergt und plädiert für einen nachhaltigen und
alternativen Tourismus in dieser Region.
Ejidos werden Bauland
Bei den Grundstücken, auf denen die zahlreichen Bauvorhaben des Projekts
Mar de Cortés realisiert werden, handelt es sich häufig um ehmaliges
Ejido-Land, das erst seit einer Verfassungsänderung im Jahr 1992 - als
Vorleistung für den Nordamerikanischen Freihandelsvertrag - überhaupt
verkauft und durch Ausländer legal erworben werden kann. Die aus
präkolumbischer Zeit bekannte, gemeinschaftliche Nutzung eines
Grundstücks durch eine Dorfgemeinschaft wurde im revolutionären Mexiko
wieder aufgegriffen und in dem Artikel 27 der Verfassung von 1917
festgeschrieben. Umgesetzt wurde die Reform jedoch erst unter dem
Präsidenten Lázaro Cárdenas im Jahr 1934, als der mexikanische Staat
zahlreiche Großgrundbesitzer enteignete und das Land verarmten Bauern
zur kollektiven Nutzung überließ.
In den letzten Jahren haben immer mehr Besitzer eines Ejidos dem Druck
der Investoren nachgegeben und ihr vormals nahezu wertloses Land
verkauft. Diejenigen, die nicht dazu bereit sind, sehen sich zunehmend
Repressionen von Seiten der lokalen Behörden ausgesetzt, die die
wirtschaftliche Entwicklung ihrer Region nicht gefährden wollen und den
"ejidatarios" mit Enteignung drohen oder ihnen, wie in Punta Raza im
Bundesstaat Nayarit mit Hilfe bewaffneter, privater Sicherheitskräfte
den Zugang zu ihren Strandgrundstücken verwehrten (16), während dieörtliche Polizei demonstrativ Streife fuhr und nicht eingriff
Unter diesen Umständen ist es oft nur eine Frage der Zeit, wann die
Besitzer nachgeben und ihr Land schließlich doch verkaufen. José de
Jesús Varela, Direktor des mexikanischen Ökotourismus-Unternehmens
Kuyima (17), beschreibt (18) diesen Vorgang so: "Man gibt ihnen 800.000
Pesos (ca. 56.000 Euro) und das Erste, was sie machen, ist einen
Geländewagen zu kaufen. Später machen sie eine große Party mit ihren
Freunden und danach wechseln sie die Frau. Am Ende bleiben sie ohne
Geld, ohne Frau und ohne Land. Dann haben sie nichts mehr."
LINKS
(1) http://www.bancomer.com/salaprensa/cornu_comup_091007.html (2)
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25351/1.html (3)
http://www.pan.org.mx/ (4) http://www.fonatur.gob.mx/ (5)
http://www.realtor.org/press_room/news_releases/2006/baby_boomer_study_0
6.html (6)
http://www.usatoday.com/news/nation/2007-02-20-pensions-cover_x.htm (7)
http://www.usatoday.com/news/nation/2007-02-20-pensions-cover_x.htm (8)
http://www.census.gov/prod/2007pubs/p60-233.pdf (9)
http://www.eluniversal.com.mx/notas/vi_454040.html (10)
http://www.realtor.org/press_room/news_releases/2007/ehs_dec07_trend_up_
2008.html (11) http://www.jornada.unam.mx/2005/05/23/048n1pol.php (12)
http://loretobay.com (13) http://www.agua.org.mx/content/view/3589/152/
(14)
http://www.jornada.unam.mx/2007/02/19/?section=estados&article7n1est&
partner=rss (15)
http://www.greenpeace.org/raw/content/mexico/press/reports/el-golfo-de-c
alifornia-turism.pdf (16)
http://www.jornada.unam.mx/2006/12/13/index.php?section=estados&article038n1est
(17) http://www.kuyima.com/kuyima.html (18)
http://www.jornada.unam.mx/2006/04/24/060n1soc.php
Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27069/1.html
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