6.11.2006
junge Welt vom 17.03.2007
URL: http://www.jungewelt.de/2007/03-17/031.php
Warum mußte Digna Ochoa sterben?
Untersuchung zu Todesumständen der mexikanischen Menschenrechtlerin
wird neu aufgerollt
Gerold Schmidt (npl), Mexiko-Stadt
Es war damals ein Schock für breite Teile der mexikanischen
Gesellschaft. Am 19. Oktober 2001 wurde die bekannte
Menschenrechtsanwältin Digna Ochoa erschossen in ihrem Büro in Mexiko-
Stadt aufgefunden. Die zuvor mehrfach bedrohte Ochoa war einem Mord
zum Opfer gefallen, so die feste Überzeugung. Umso ungläubiger viele
Reaktionen, als die für die Ermittlungen eingesetzte
Sonderstaatsanwältin knapp zwei Jahre später zu dem abschließenden
Ergebnis "Suizid" gelangte. Alle Hinweise auf Unregelmäßigkeiten bei
den Untersuchungen und von Ochoas Familie auf eigene Faust gesammelte
Indizien wurden von der zuständigen Hauptstadtjustiz abgeschmettert.
Nach einer sich über Jahre hinziehenden und schließlich erfolgreichen
Anfechtungsklage der Angehörigen wird der Fall jetzt doch noch einmal
untersucht.
Rodolfo Cárdenas, der erst vor wenigen Monaten ernannte neue
Generalstaatsanwalt von Mexiko-Stadt, hatte kürzlich noch erklärt, es
gebe "keine ausreichenden Elemente, um beweiskräftig festzustellen,
ob Digna Ochoa sich das Leben nahm oder ermordet wurde". Für Jesús
Ochoa y Plácido, den Bruder der Toten, bedeutet der Schwenk der
Behörden, "wieder bei Null anzufangen". Die Familie der
Menschenrechtlerin hatte in den vergangenen Jahren unabhängig von der
Staatsanwaltschaft Gutachten in Auftrag gegeben. Die Auswertungen der
Indizien durch Experten stützte die Mordthese.
Es sieht so aus, als ob diese Einschätzungen jetzt von offizieller
Seite zur Kenntnis genommen werden müssen. Sie sind in einem Dokument
von 400 Seiten zusammengetragen. Möglicherweise tauchen auch neue
Zeugenaussagen auf. So berichtete die Tageszeitung La Jornada am
Donnerstag über eine erstmals aussagebereite Person, die ein
Geständnis von einem Auftragsmörder aus dem Bundesstaat Guerrero
gehört haben will.
Der "Fall Ochoa" ist für die mexikanische Menschenrechtsbewegung nach
wie vor eine offene Wunde. Viel dazu beigetragen hat die Tatsache,
daß die unter einer als links betrachteten Stadtregierung eingesetzte
Staatsanwaltschaft zur Unterstützung ihrer Suizidthese anstelle
wirklich überzeugender Beweise versucht hat, die mehrfach für ihre
Arbeit mit Preisen ausgezeichnete Anwältin als "zwanghaft obszessiv"
mit "schizoiden, antisozialen Verhaltensweisen und paranoiden
Gedankengängen" posthum zu verunglimpfen. Über die Arbeit und den Tod
von Digna Ochoa sind mehrere mexikanische und ausländische
Dokumentarfilme gedreht worden. "Warum mußte Digna Ochoa sterben?"
titelte der unabhängige Hamburger Fernsehjournalist Michael Enger
2002 seinen Film. Sollten die neu aufgenommenen Ermittlungen eine für
alle eindeutige Antwort auf diese Frage haben, könnten sie eine Wunde
schließen.