"Todespakt" der letzen Kiliwa
Verzweifelte Reaktion der Ethnie im Norden Mexikos auf Zerstörung
ihrer Kultur
von Andreas Henrichs, Chiapas/Mexiko
Das Anthropologische Museum in Mexiko-Stadt ist weltweit eine der
bedeutendsten archäologischen Sammlungen. Auf über 44000
Quadtratmetern Ausstellungsfläche pflegt der mexikanische Staat hier
liebevoll und mit beachtlichem finanziellen Aufwand sein
präkolumbisches Erbe. Den Nachfahren der Ureinwohner, den
schätzungsweise 24 Millionen Indígena, wird von der mexikanischen
Gesellschaft weniger Sympathie entgegengebracht.
»Dieses Land
verherrlicht seine indianische Vergangenheit, aber verachtet seine
lebenden Indios«, schreibt der Dichter Octavio Paz, und so ist es
nicht überraschend, daß die Bundesstaaten mit dem höchsten indigenen
Bevölkerungsanteil - Chiapas, Guerrero und Oaxaca - , im Süden der
Republik das sogenannte »Dreieck der Armut« bilden. Auch in den
anderen Teilen Mexikos, vor allem in Yucatán, Veracruz und im Zentrum
des Landes ist die indigene Bevölkerung weitgehend marginalisiert und
lebt zu 80 Prozent unterhalb der Armutsgrenze.
Eine der 56 ofiziell anerkannten indigenen Gruppen Mexikos ist die
Ethnie der Kiliwa, die im Norden der Halbinsel Baja California lebt.
Lediglich 54 Menschen zählt dieses Volk, von denen nur noch fünf ihre
eigene Sprache sprechen. Die Geschichte der Kiliwa ist beispielhaft
für die Zerstörung einer Jahrtausende alten Kultur durch die ökonomischen und politischen Interessen zunächst der spanischen
Eroberer und später des mexikanischen Staates. Von ihrem
ursprünglichen Territorium in das karge Hochland der Sierra San
Miguel vertrieben, der eigenen Sprache und kulturellen Identität
durch eine diskriminierende Gesetzgebung beraubt, entschlossen sich
viele Kiliwa zur Abwanderung in die Städte Tijuana und Mexicali oder
emigrierten in den angrenzenden US-Bundesstaat Kalifornien. Die acht
übriggebliebenen, traditionell lebenden Familien konnten nach einem
jahrelangen Rechtsstreit in einen Teil ihres angestammten
Siedlungsgebietes in Valle de Trinidad zurückkehren, wo sie heute
unter schwierigsten sozialen und ökonomischen Bedingungen
Subsistenzwirtschaft betreiben.
»Dieser ständige Kampf macht müde, niemand hört uns zu, niemandem
bedeuten wir etwas«, erklärte Elías Espinosa am 20. Oktober des
vergangenen Jahres während eines Treffens mit Subcomandante Marcos,
dem Sprecher der EZLN (Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung),
der im Rahmen der »Anderen Kampagne gegen Neoliberalismus und
Kapitalismus« Baja California bereiste. Der 30jährige Espinosa ist
der jüngste und wahrscheinlich letzte Kiliwa, denn die Frauen seines
Volkes haben bereits vor Jahren einen »Todespakt« beschlossen und
weigern sich seither, Kinder zu gebären. Es ist ihre verzweifelte
Antwort auf die gleichgültige Behandlung durch den Staat Baja
California, der von Governeur Eugenio Elorduy Walther von der
nationalistischen PAN (Partei der Nationalen Aktion) regiert wird.
»Wir haben keine Schule oder Krankenhaus, unsere Kultur wird nicht
respektiert, da ist es eine Schande, Kinder in diese Welt zu setzen«,
begründete Elías Espinosa noch einmal öffentlich diese »sehr
schwerwiegende Entscheidung« seines Volkes.
Bis zum heutigen Tag haben die Behörden in Baja California trotz
vager Zusagen keine konkreten Hilfsangebote folgen lassen, und es
steht zu befürchten, daß die Kiliwa in naher Zukunft aussterben
werden. Alles, was von dieser 9000 Jahre alten Kultur dann noch übrig
bleiben wird, werden wohl einige Artefakte in der Glasvitrine eines
anthropologischen Museums sein.