Seit 10 Jahren setzen sich Bäuerinnen und Bauern in der Sierra de Petatlán, Guerrero, gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage zur Wehr. Das gesamte ökologische System der Region ist bedroht durch einen Kahlschlag, dem 40% des Waldbestandes zum Opfer gefallen sind. Er wurde vornehmlich vom damaligen Gouverneur Figueroa zugunsten internationaler Konzerne betrieben. Seitdem die „campesinos ecologistas“ sich wehren, werden sie von der Koalititon der Profiteure terrorisiert, zu der Kaziken mit ihren pistoleros, Polizei, Politiker und Militär gehören. Morde blieben straflos. 1999 wurden ihre Anführer Rodolfo Montiel und Teodoro Cabrera verhaftet, gefoltert und auf Grund gefälschter Anschuldigungen zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Im Oktober 2001 wurde ihre Anwältin Digna Ochoa nach einem zusammen mit FIAN unternommenen Recherchebesuch in der Region ermordet. Die Einschüchterung und Inhaftierung der Öko-Bauern gehen weiter. Nachdem sie einen Stopp der massiven Abholzung durchsetzen konnten, sind sie Brandanschlägen derer ausgesetzt, die den Kampf um Erhalt der Wälder als Geschäftsschädigung empfinden. Nach wie vor werden ihnen Wiederaufforstung, Straßenbau, medizinische und schulische Versorgung verweigert. Die Bauern leben in Dörfern ohne Strom, Wasserleitung, Telefon und Post, verbunden nur durch halsbrecherische Wege, die bei Regen vollends unpassierbar werden. Dennoch sind ihr Widerstand und ihre Überlebensstrategien ungebrochen.
Felipe Arriaga Sánchez, Gründer von OESP (Organización Ecologista de la Sierra de Petatlán - Vereinigung der Öko-Bauern in der Sierra de Petatlán) wurde am 3. November 2004 festgenommen. Er wird der Beteiligung an der Ermordung eines Sohnes des Kaziken Bernardino Bautista beschuldigt. Außer ihm sind 14 weitere Bauern angeklagt, die zum größten Teil der Widerstandsbewegung gegen die Abholzung in der Sierra de Petatlán angehören. Sehr merkwürdig ist, dass dieses Verfahren erst 6 Jahre nach der Tat eröffnet wird, was einen anderen Hintergrund vermuten lässt. Felipe war zu diesem Zeitpunkt an einem anderen Ort in Behandlung - es ist zu hoffen, dass es dafür jetzt noch Zeugen gibt.
Demnächst wird eine offizielle Unterschriftenaktion für seine Freilassung gestartet!
Dazu spanische Artikel von Rosa Rojas in der Jornada:
Jornada vom 1. Februar 2005
Sin tregua, caciques madereros hostigan a ecologistas en sierra guerrerenses
Jornada vom 2. Februar 2005
En la sierra de Petatlán defender los bosques es un delito: ecologista preso
Jornada vom 3. Februar 2005
Acoso, cárcel y muerte para ecologistas que resguardan la sierra de Petatlán
Eine Fläche von 2 m2 zur Verfügung zu haben, in der Zelle, in die er nach 22 Tagen unrechtmäßiger Inhaftierung verlegt wurde, ist eine Errungenschaft, die Felipe Arreaga Sánchez all denen verdankt, die einen Protest zu seinen Gunsten unterzeichnet haben.
Der Öko-Bauer aus der Sierra de Petatlán hat einen Monat Untersuchungshaft in Zihuatanejo verbracht. Sie haben ihn aus einer Zelle, die er mit bis zu 16 Häftlingen teilen musste, ohne einen Schlafplatz, in eine andere verlegt mit 10 Mitgefangenen, wo Felipe ein wenig Platz auf dem Boden hat, um sich hinzulegen und zu schlafen. Er kann sogar ab und zu die Lage seines Körpers wechseln, um die stechenden Schmerzen in seiner Schulter zu mildern, die ihn daran hindern, längere Zeit still zu halten.
Die Belastungszeugen, die behaupten, er habe sich am 30 Mai 1998 an dem Hinterhalt beteiligt, bei dem Abel Bautista Guillén, Sohn des Kaziken und Holzhändlers von Mameyal, Bernardino Bautista Valle, ums Leben kam, erscheinen immer noch nicht vor dem Richter, denn sie wissen wohl, dass sie noch offene Rechnungen mit der Justiz haben, angefangen mit dem Tod von Aniceto Segura, einem Öko-Bauern, der auf Anweisung von Bernardino unmittelbar nach dem Hinterhalt ermordet worden war, um den Tod seines Sohnes zu rächen.
Felipe Arreaga Sánchez kann die Gründe nicht verstehen, weswegen man ihn im Gefängnis festhält, obwohl er durch Zeugen bewiesen hat, dass er an Tag und Stunde des Hinterhalts sehr weit von diesem Ort entfernt war und eine Verletzung behandeln ließ, die ihn am Gehen hinderte.
Im Gefängnis erinnert er sich daran, dass er von Jugend an auf Gewalt als Mittel der Konfliktlösung verzichtet hat, obwohl er die Ermordung seines Vaters und seiner Schwester bei einem bewaffneten Überfall auf sein Haus erleben musste. Er selbst kam wie durch ein Wunder davon, sie hielten ihn für tot.
Die Gewalt, die in der Sierra in den 60er Jahren ausbrach, kostete kurze Zeit darauf seiner Mutter das Leben. Felipe verließ seine Felder und sein Dorf, um Abstand von dem Geist der Rache zu gewinnen. Er ging von Técpan weg, um in Petatlán zu leben und auf dem Land zu arbeiten, wie es seine Vorfahren getan hatten.
Was er nie aufgab, war seine Hilfsbereitschaft, und in sie bezog er auch seine Familie ein. Er ist ein anerkannter sozialer Akteur in der Gegend geworden, Katechet der Sozialpastoral der Katholischen Kirche, Menschenrechtsverteidiger, ein Bäum-Pflanzer und Gründer der Ökologischen Organisation der Sierra de Petatlán.
Er hat sich große Verdienste um die Verteidigung des Waldes erworben. Er war der Hauptorganisator der Dörfer, die von der zerstörerischen Ausbeutung der Wälder betroffen waren, zu der der raffgierige nordamerikanische Konzern Boise Cascade angestachelt hatte. Anfang 1998 blockierten die Bauern die Wege, um die Plünderung des Holzes zu verhindern. Es war eine verzweifelte Reaktion auf die Apathie der Behörden. Von daher rühren der Groll und die Rachsucht der Holzhändler, die ihn einer Straftat beschuldigen, die er nicht begangen hat und die sich vor nunmehr 6 Jahren ereignet hat.
Hinter seiner Inhaftierung steckt die Absicht der Holzhändler, ihre Interessen durchzusetzen und das, was von dem Wald noch übrig ist, zugrunde zu richten. Es geht auch um die Wiederherstellung der Kaziken-Struktur, um den Status quo in Guerrero aufrechtzuerhalten.
Felipe Arreaga ist ein Hindernis für die Feinde des Waldes. Das erklärt, warum ein Killer, der dank der Komplizenschaften von Angehörigen der Behörden straflos agiert, als Bekenner von Recht und Gesetz auftritt und sich nun an ebendiese Behörden wendet, angeblich damit diese die Mörder seines Sohnes bestrafen, obwohl er bereits das Recht in die eigene Hand genommen hat.
Felipe bewahrt im Knast eine gelassene Haltung. Er sagt, er habe niemals in seinem Leben daran gedacht, dass er einmal die Erfahrung eines Gefängnisses machen würde, aber das mache ihm nichts aus, weil sein Kampf der Mühe wert sei. “Die Verteidigung des Waldes ist zum Wohle aller, denn den Sauerstoff, den die Bäume erzeugen, atmen alle Lebewesen ein, und das Wasser vom Himmel hält sich dank der Pflanzen in der Erde."