CHIAPAS – 04/03

tjou, wie und wo anfangen...

Anreise von San Cristóbal zuerst mit gewoehnlichem colectivo (=Minibus) in nahe gelegene Kleinstadt, Weiterreise in camioneta (fuer Nichtsahnende: pick up mit hohen Aussenwaenden auf deren Ladeflaeche der Chauffeur alles an Waren, Menschen und Tieren hineinstopft was geht, um dann ueber Strassenaequivalente durch chiapische selva von Kuhfladendorf zu Minidoerfli huppeln... hat gewissen urigen Charme und kann mitunter auch sehr amuesant sein, abhaengig von Position (Autoreifensitzplatz, Tankkanister, obenauf Wand oder Stange oder einfach eingequetscht zwischen Menschen und... allem), va je nach Staublage allerdings auch sehr unromantisch real- anyway, mit genuegend Humor eine bereichernde Erfahrung : ) und dann nach 5 Stunden durch Dschungel und bisschen Huegel auf ab wandern in ´unserer´ comunidad angelangt...

wir: ein 27 jaehriger Deutscher, tendenziell Welt stark linkspolitisch gefiltert sehend, aber in guter Relation und schwer in Ordnung und ein Schwyzer, 63, in Pension und enthusiastischer Fotograph, manchmal zu enthusiastisch (dh solange kein intensiver Widerstand sehr erbarmungslos im Fotografieren), sonst aber ebenfalls voll in Ordnung, war eine sehr runde WG die wir knapp drei Wochen in unserem campamento (=Holzhuette mit Kueche, dh kleinere Huette mit Feuerstelle nebenbei) hatten, auch viel gelacht...

Waren in einem geteilten Dorf, die `Trennung´ fand vor kurzem, vor 2 Jahren statt, die Konsequenzen werden immer staerker... zweierlei Bade- und Waeschewaschstellen am Fluss, zweierlei Schulen, die seit Generationen fuer das Wohl der Dorfgemeinschaft gemeinsame Kollektivarbeit seit kurzem auch jede Gruppe fuer sich werkend, zweierlei kleine Mischwarengeschaefte... in der Kirche noch gemeinsam, allerdings PRIista (Regierungstreue) auf den vorderen Baenken, Zapatisten auf den hinteren... die Maenner spielen noch gemeinsam Fussball, va die ganz kleinen Kinder allerdings werfen einem PRIista mitunter auch mal einen Stein nach.

Photo von Siegfried Weidlich, 2004

Unnun unsere drei Wochen...

Bekamen jeden Morgen und zu Mittag Tortillas geschenkt, Bohnen, Kaffee waren schon da und oft bekammen wir (wertvolle!) Eier vorbeigebracht, platanos (Kochbananen), einmal auch eine yuca (Wurzel, gekocht aehnlich wie Erdaepfel, nur besser ; ) und tamales geschenkt, zum Essen eingeladen... es war ihnen peinlich, dass sie uns nicht die Nahrungsmittelvariation bieten konnten die wir gewoehnt waren, dabei fuer uns so unwichtig...

comunidad in einem kleinenTal gelegen, rundum Dschungelvegetation und -geraeuschkulisse- unser campamento auf einem Huegel mit gutem Ueberblick ueber Dorf und Leben dort, in der Frueh wunderschoene nebelverhangene Stimmung bis der rote Sonnenball ueber der Bergkuppe erscheint, dann mehr Nebel aus den verschieden Haeusern rauchend, Tortillaproduktion auf Hochtouren... jeden Morgen eigentlich dasselbe Bild, dennoch jeden Tag anders (de facto, nicht poetisch)... kurz vor 7am dann zur Schule, fuer die waren wir zustaendig 2 Wochen lang- eigene story : ) 4 Gruppen, die ganz Kleinen um die 4,5 Jahre alt, die Aeltesten 16,17... hab anfangs vor allem vor dem quicklebendigen Flohhaufen der Kleinen etwas ratlos versucht ihre Aufmerksamkeit zumindest fuer 5 Minuten zu fesseln und tiefen Respekt vor Volkschullehrern bekommen, ansonsten ohne Buecher und mit sehr unterschiedlichem Lesevermoegen der Aelteren versucht konstruktiv zu arbeiten...

der Mensch waechst mit der Herausforderung... jeden Tag vier Stunden kreativst gelehrt was uns nuetzlich und sinnvoll erschienen ist fuer sie zu wissen

Die Kleinsten viel malen und zeichnen lassen und spielerisch Buchstaben und Zahlen beigebracht- zumindest ihren Namen schreiben lernen

Den Groesseren eine Weltkarte und eine México Karte entworfen und erklaert (o, das sind die USA, dort Irak und Krieg- so gross ist Russland, wo in México ist Chiapas...), ein bisschen den Menschen erklaert (konnte es nicht lassen ; ), so Puls und Herz, wozu die Lunge, Geschichten geschrieben und lesen lassen, mit Mikado-Spiel Motivation zum Rechnen erweckt, mit Rechenkoenig Einmaleins geuebt, mit Voelkerball einmal aus einem Tief (Kinder unmotiviert und nervig, wir ratlos und genervt) herausgeholt, hat dann allen wieder Spass gemacht...

Teils voll anstrengend und frustrierend, teils so schoen wenn ein 10- jaehriges Maedl die Weltkarte erforscht und sie fuer sich entdeckt wie gross die Welt ist, wo Amerika und México liegen, und ploetzlich versteht wo sie lebt und das Verhaeltnis von alldem... und jene Nachrichten die aus dem Radio kommen ein wenig verstaendlichere Formen annehmen.

Auch viel mit den Menschen aus der comunidad geredet, wie das taegliche Leben so ablaeuft, wo troubles sind, wie es frueher war und wie es jetzt ist... eine Frau, die vor ein paar Jahren aufs Steissbein fiel und seither immer staerkere Rueckenschmerzen hat, nichtsdestoweniger arbeitet und auch einmal in ein Spital gepilgert ist und ein Roentgen machen liess, sich aber eine Operation sowieso nicht leisten kann... ein Mann, der uns gebeten hat neue Abzuege von schon einigermassen mitgenommenen Fotos machen zu lassen und mit den naechsten Friedensbeobachtern mitzuschicken , da sie die einzigen seiner vor 6 Monaten bei der Geburt seines dritten Kindes gestorbenen Frau sind, war eine gute Frau, viel gearbeitet, nun erntet er die Kaffeebohnen die sie gesaeht hat, was ihn freut weil er sich ihr irgendwie naeher fuehlt... jeden Tag einen Haufen Kinder bei uns im campamento, wollen plaudern, malen, Mikado spielen... oft viel Spass, manchmal auch nervig ; )... eine alte Frau die jeden Tag mehrmals vorbeikam zum Holz holen weiter oben am Huegel und mit der wir jeden Tag uebers Wetter und ueber die Arbeit ein paar Worte plauderten, eigentlich jeden Tag dasselbe, dennoch voll eigen und nett... viele Fragen ueber Neuigkeiten in der Welt bekommen, ueber unsere Laender und wie die USA vom Flugzeug aus schauen...

Photo: Siegfried Weidlich

Jeden Tag Wasser holen von der Wasserstelle mit einem Riesenkrug Wasser am Kopf zum campamento hochklettern... im glasklaren Fluss schwimmen und unter kleinem Wasserfall erfrischen, in ebenjenem Waesche waschen (fuer die Zyniker, hatten neutrale Seife und Waschmittel, sicher nicht optimum aber bestmoeglichstes), da ebenjener durch eine Weide fuehrt von Pferd frischgewaschenen Sack Waesche klauen lassen und ein bunch Kinder schreiend hinten nach... durchs Doerfli spazieren, Hennen mit Kueken, Schweine faul in der Mittagshitze nach Schlammbad unter Baum liegend, Mulis schreien, wir kauen Zuckerrohr, in der Mittagshitze (top: 41°Grad im Schatten, bin in der Haengematte verdampft und hab Gedanken ueber den Selbstentzuendungspunkt des Menschen angestellt) kleinen Folder ueber die mex Revolution lesen... eines Tags Sportflugzeug (Krankenruecktransport, ´Landepiste´ abenteuerlich) angekommen, das gesamte Dorf zusammengelaufen inkl uns und wie die kleinen Kinder gefreut, als es wieder abhob... Ameisen ueberall (manchmal auch im Essen, solange es nicht dieselben waren, die auch unser Waschpulver gegessen haben, ist das aber, glaub ich, unproblematisch), sonstige Viecher aber eigentlich sehr komod, not too

bad...

Am Tag bevor wir wieder zurueck sollten des fruehabends ploetzlich grosser Aufruhr: Soldaten waren ins Dorf gekommen. Das erste Mal. Die Dorfbewohner sagen uns wir sollen bei ihnen bleiben, besser die Soldaten sehen uns nicht. Sind an die 15, einmal durchs Dorf, wieder retour und auf demselben Weg hinaus, wo auch angekommen. Waren vielleicht nicht ganz eine Stunde da. Kinder weinen. Viele schreien herum. Was wollen sie. Wieviele sind es. Wo sind sie jetzt. Was tun wir. Dann nehmen va die Frauen Stoecke in die Hand und mit den Babys am Ruecken und viel Wut im Bauch laufen sie den Soldaten hinterher. Ihr habt hier nichts verloren. Wir wollen euch nicht sehen. Ihr habt kein Recht unser Dorf zu betreten und unseren Kindern Angst zu machen. Inzwischen ist es finster geworden. Wir warten mit den anderen. Sitzen alle beinander, ueber uns heller Halbmond und Sterne, keiner redet. Ab und zu fasst ein Kind meine Hand. Umrisse des Gesichts, an der Stimme erkenne ich Kinder aus der Schule. Seltsame Stimmung. Gemeinsames Warten auf die, die den Soldaten mit den Stoecken hinterher gelaufen sind, um ihnen zu sagen, dass sie hier nichts verloren haben. Inmitten der indigenas drei helle Flecken, wir. Muss kurios ausschauen. Nach einiger Zeit kehren sie zurueck, sie haben die Verfolgung aufgegeben, bitten uns noch einen Tag laenger zu bleiben. Noch kurzes Reden, dann loest sich die Menschenmenge langsam auf, die Familien gehen nach Hause um noch ein wenig beisammen zu sitzen vor der Huette im Dunkeln oder bei Kerzenschein.

Am naechsten Tag geht die Sonne ueber dem kleinen Tal auf wie immer und ein neuer Tag beginnt, die letzte Nacht scheint weit weg. Die Kinder sind noch aufgeregt, bei Tageslicht wirkt es vielmehr wie Abenteuer und sie erzaehlen und reden und reden. Am Abend gibt es noch einmal eine Versammlung, wir verabschieden uns... am naechsten Tag um 4am machen wir uns mit 2 Zapatisten (und einem Muli fuer unsere Rucksaecke, Luxus) auf den Weg, zuerst im Finstern mit Taschenlampen, dann wird es langsam hell und wir wandern an nebelverhangene Urwaldbergen vorbei, durch eine Militaerkontrolle durch (de dónde vienen? Verstaendnislose Gestik unsrerseits, wir sprechen kein spanisch (mit ihm). Soldat gibt nach kurzem auf) und gen Zivilisation...