Aufenthalt in Fracción Guadalupe
von Birgit Schmidhuber
Unser erster Schritt in Richtung Menschenrechtsbeobachtung in den autonomen indigenen Gemeinden in Chiapas bestand im Besuch eines Vorbereitungsseminars vom Menschenrechtszentrum ‚Fray Barolomé de las Casas' in San Cristóbal de las Casas. Dort werden wöchentlich Seminare abgehalten, im Zuge derer eine nähere Auseinandersetzung mit der Geschichte des indigenen Aufstandes und der Menschenrechtsbeobachtung sowie die Beleuchtung der Aufgaben als MenschenrechtsbeobachterIn und der realen Gegebenheiten in den einzelnen Gemeinden stattfindet. Am Ende des Seminars, bekamen wir eine Gemeinde zugewiesen, in die wir uns dann innerhalb der folgenden zwei Tage begeben sollten.
Meine compañera Linda (auch aus Österreich) und ich wurden in die Gemeinde ‚ Fracción Guadalupe' geschickt. Es handelt sich um ein Vertriebenenlager, dass sich ungefähr zwei Autostunden von San Cristóbal entfernt, in den Altos befindet.
das Lager
Die Bewohner zählen sich zu Mitgliedern der so genannten ‚Sociedad Civil Las Abejas' , einer zivilen und pazifistischen Organisation, die seit Beginn des indigenen Aufstandes im Jahr 1994 eine Beendigung des Krieges auf politischer und nicht militärischer Ebene anstrebt. Die Organisation ‚Las Abejas' entstand im Dezember 1992 als Konsequenz auf die ungerechtfertigte Gefangennahme von fünf Bauern durch die lokale Polizei, die in Folge aufgrund massiver Mobilisation der Zivilbevölkerung wieder ihre Freiheit erlangen konnten.
Im November 1999 entschlossen 18 Familien, die Felder auf der Finca Paraiso de San Clemente bewirtschafteten ihr Land zu verlassen und ‚flüchteten' sozusagen nach Pantelhò wo sich heute das campamento befindet das sie zu ihrer Zufluchtstätte gemacht haben. Sie wurden von bewaffneten paramilitärischen Gruppen so lange unter Druck gesetzt, dass ihr letzter Ausweg nur noch in der Flucht vor der Unterdrückung mündete. Die bewaffneten Gruppen nahmen das Land in Besitz bzw veräußerten es in der Folge weiter. Das Territorium auf dem die Familien heute leben steht zum größten Teil noch im Eigentum der Organisation ‚Las Abejas' , und nur ein sehr geringer Teil gehört den vertriebenen Familien selbst. Stück für Stück und sehr langsam schafft es die Gemeinschaft das fehlende Geld aufzutreiben damit sie endlich wieder einmal ein Stück Land ihr Eigen nennen kann. Da das Gebiet auf dem sich das Lager befindet kaum für die Hütten der einzelnen Familien Platz bietet, haben die ehemaligen Bauern keine Möglichkeit Mais, Bohnen oder Kaffee zum Erhalt ihrer eigenen Familien geschweige denn zum Weiterverkauf anzubauen. In sehr geringem Ausmaß wird Mais im Lager angebaut und vereinzelt finden sich auch Kaffeesträucher, die nicht sehr ertragreich zu sein scheinen. Die Gemeinschaft besitzt Schweine zur Aufzucht und zum Weiterverkauf sowie einige Hühner. Aufgrund der noch andauernden Gefahr, können sich die Männer nicht sehr weit vom Dorf entfernen und somit auch keiner Tätigkeit als Landarbeiter in der Umgebung nachgehen. Der Mangel an Beschäftigungsmöglichkeiten für die Männer und das fehlende Geld für den Ankauf weitern Landes stellt unserer Einschätzung nach die größte Sorge dar, die die Gemeinschaft derzeit beschäftigt.

Ein weiteres Problem stellen die fehlenden Mittel zur Gesundheitsvorsorge der Menschen im Lager dar. Der Älteste im Lager, von allen ‚abuelo' genannt, übernimmt die Funktion des Heilers in der Dorfgemeinschaft. Er führt Zeremonien durch, kümmert sich um die Kranken und betet für sie. In der Nähe des Lagers befindet sich ein staatliches Gesundheitszentrum. Aufgrund fehlender finanzieller Mittel ist es der Gemeinschaft jedoch nicht möglich in schweren Krankheitsfällen für Medikamente oder notwendige Operationen aufzukommen.
Unsere Aufgabe während des Aufenthalts in der Fracción Guadalupe beschränkte sich auf die Beobachtung und die Präsenz im Lager. Wir merkten wie wichtig unsere Anwesenheit für die Dorfgemeinschaft war und sie ließen uns auch wissen wie viel Sicherheit wir ihnen mit unserer bloßen Anwesenheit gaben. Für mich war es aber sehr schwierig mich auf die Beobachtung der Vorkommnisse und des Lebens im Lager zu beschränken ohne aber in bestimmten Situationen aktiv tätig werden zu können. Ich konnte erst mit der Zeit verstehen, dass Eingriffe in das Leben der Gemeinschaft von einer Person aus einem ganz anderen kulturellen Kontext, das doch sehr sensible Gleichgewicht ihres Lebens und ihrer Form der sozialen Interaktion stark beeinträchtigen können. Im Denken dieser indigenen Gemeinschaft (und wahrscheinlich auch vieler anderer) nimmt das Kollektiv - die Gemeinschaft – die erste Stelle ein. Somit wird auch sehr genau darauf geachtet, die vorhandenen Lebensmittel, Kleidungsstücke etc. gerecht unter den Mitgliedern der Gemeinschaft zu verteilen. Auch der Zusammenhalt innerhalb der Familie ist sehr stark, was einen wirklich intensiven Eindruck bei mir hinterlassen hat. Die Selbstverständlichkeit mit der diese Menschen ihr Essen mit uns geteilt haben, obwohl sie selbst kaum genug zum Leben hatten, und die Hilfsbereitschaft die sie uns gegenüber an den Tag legten ging mir besonders nahe.

Die Lebensbedingungen im Lager waren sehr schwierig. Die Menschen hausen in kleinen Holzhütten, die sie innen mit Plastikplanen ausgekleidet haben um vor den heftigen Regenfällen während der Regenzeit geschützt zu sein. Der Müll wird in regelmäßigen Abständen eingesammelt und zwischen den Hütten verbrannt. Auch in den Hütten wird am offenen Feuer gekocht und es sind keine Rauchabzüge vorhanden. Wir hatten ein eigenes WC für das wir alle 2 Tage Wasser vom Tank holen mussten, dass uns dann als Spülwasser diente. In der Hütte in der sich das Geschäft der Gemeinschaft und der Gemeinschaftsraum befanden, hatten wir ein kleines Zimmer mit Holzpritsche, das uns während des Aufenthaltes als Unterkunft diente. Wir haben sehr viel Zeit mit den Kindern verbracht, mit ihnen gespielt und über ihr Leben im Lager gesprochen. Auch hatten wir Gelegenheit einige Phrasen auf Tzotzil, das ist die Sprache die sie sprechen, zu lernen und konnten uns somit auch besser mit den Erwachsenen, die nur wenig Spanisch sprachen, verständigen.

Gemeinschaftsraum und Geschäft
Der Abschied von diesen Menschen, die uns in ihre Gemeinschaft aufgenommen haben und uns so viel Neues gezeigt haben, fiel uns nicht leicht. Aber ich habe was ich dort gesehen und erfahren habe verinnerlicht und ich wünsche mir, dass sie in ihrem Kampf um Gerechtigkeit endlich gehört und gesehen werden sowohl innerhalb Mexikos als auch über seine Grenzen hinaus, damit sich die Welt in die viele Welten passen vielleicht endlich verwirklichen kann.