San Cristóbal de las Casas
Am 12 Juli 2004 war ich pünktlich um 9 Uhr beim Menschenrechtzentrum in San Cristóbal de las Casas , welches sich in der Calle Brasil 12 befindet.
Im Menschenrechtszentrum erfuhr ich, dass das notwendige Vorbereitungsseminar erst um 17 Uhr stattfinden würde und dass ich eine Kopie von meinem Pass mitnehmen sollte.
alle Bilder im Bericht von Joanna selbst
Da ich noch ein paar Stunden Zeit hatte, ging ich mit einer Amerikanerin namens Naomi einen Kaffee trinken. Sie erzählte mir, dass sie überzeugte Zapatistin wäre und schon sehr oft als Menschenrechtsbeobachterin in diversen Dörfern tätig war. Ich hörte mir einige Stunden verschiedene Erlebnisgeschichten von Naomi an und war am Ende unseres Gespräches motiviert und glücklich, dass ich der indigenen Bevölkerung Mexikos auch ein wenig helfen würde. Naomi erzählte mir auch, dass die Stadt ursprünglich nur „San Cristóbal“ hieß und dass der Name „de las Casas“ erst später angefügt wurde, um an Bartolomé de Las Casas zu erinnern. Er war ein spanischer Dominikanermönch, der als Bischof von Chiapas für die Rechte der indigenen Bevölkerung während der Kolonialzeit eintrat.
1994 wurde San Cristóbal de Las Casas von den Zapatisten, die den Folgen der Globalisierung kritisch gegenüber stehen und sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung einsetzen, besetzt. Nach drei Tagen wurden sie von der Mexikanischen Armee verdrängt und so zogen sie sich ins umliegende Bergland an der Grenze zu Guatemala zurück.
Am Nachmittag besuchte ich das Vorbereitungsseminar im Menschenrechtszentrum. Ich war positiv überrascht, dass sich relativ viele Menschen für die Situation der Chiapateken interessierten. Wie sprachen über die politische Situation in Chiapas und wurden anschließend in kleine Gruppen eingeteilt, damit wir uns das Dorf, in dem wir wohnen wollten, aussuchen konnten. Als ich mir gerade überlegte, welcher Gruppe ich mich anschließen sollte, sprach mich mein Sitznachbar in Deutsch an. Er fragte mich: „Du kommst aus Österreich?“ Ich war etwas verwirrt, denn ich war mir ziemlich sicher, dass er sich als Mexikaner vorgestellt hatte, und nun sprach er perfektes Deutsch. Ich habe schon viele Reisen in verschiedene Länder unternommen und es kam sehr selten vor, dass jemand wusste, wo sich Österreich befand.
Ich habe auch noch nie erlebt, dass jemand, der nicht in Europa geboren wurde, von „Österreich“ und nicht von „Austria“ sprach. Meine Entscheidung hatte ich somit getroffen, ich wollte zusammen mit dem Mexikaner und mit seinen zwei Freunden in einem Dorf als Menschenrechtsbeobachterin tätig sein.
Wir suchten uns das Dorf La Realidad, das sich in der Nähe der guatemaltekischen Grenze befindet, aus. Natürlich wussten wir nicht, dass uns das Schicksal in ein anderes Dorf führen würde. Etwas später wurden wir über die Anreisemodalitäten und unsere Aufgaben informiert.
Comitan
Am 14. Juli sind wir um ca. 17 Uhr mit dem Bus in Comitan, einer kleinen netten Stadt, die zwei Stunden von San Cristobal de las Casas entfernt ist, angekommen. Ich habe über meine Reisegefährten Armando, Rosaluz und Uriel viele interessante Dinge erfahren. Armando hat ein Jahr in Deutschland studiert und einige Reisen nach Österreich unternommen. Nach unserem Gespräch verstand ich nun, warum Armando sehr gut Deutsch sprach und Österreich kannte. Rosaluz hat ein Jahr in Spanien studiert und mit Uriel viele Länder Europas besichtigt. Sie kommen alle drei aus San Luis Potosí , einer Stadt im nördlichen Zentralmexiko mit etwa 660.000 Einwohnern.
Nachdem wir uns stundenlang unterhalten hatten, gingen wir in das Zentrum von Comitan, um ein paar wichtige Sachen für die Reise zu besorgen. Wir kauften uns Gummistiefel, da Naomi gemeint hatte, dass der Weg sehr schlammig sein würde. Sie sollte absolut Recht behalten.
Las Margaritas
Um 5 Uhr in der Früh wurden wir aufgeweckt, damit wir pünktlich nach Las Margeritas kamen. Es war noch sehr dunkel und irgendwie unheimlich, dass wir mitten in der Nacht aus dem Haus schlichen, um zusammengequetscht in einem kleinen Auto in die nächstgelegene Stadt zu gelangen. Wir saßen zu sechst in einem roten Käfer und hofften, dass wir sicher in Las Margeritas ankommen würden. Da noch ein uns unbekannter Mann mitfuhr, musste ich mir mit Rosaluz einen Sitz teilen. Zum Glück dauerte die Fahrt nicht allzu lange und so konnten wir um 7 Uhr schon unsere nächste spannende Fahrt beginnen.
La Realidad
Wir sind mit einem Pick up nach La Realidad gefahren. Da viele Einheimische diese günstige Fahrgelegenheit nutzten und außerdem reichlich Gepäck mithatten, mussten wir stehen oder übereinander auf unseren Rucksäcken sitzen. Später begann es auch noch stark zu regnen und da wir kein Dach über den Köpfen hatten, versteckten wir uns unter unseren Regenmänteln. Als wir mitten im Regenwald waren, hörte es endlich auf zu schütten und so konnten wir die prachtvolle Natur genießen. Umso tiefer wir in den Dschungel eindrangen, umso schlechter wurde der Weg. Das Auto holperte über Äste und Steine, Insekten fielen auf unsere Köpfe und oft wurden wir von herunterfallenden Blättern und Zweigen begraben. Nach 8 Stunden Fahrt sind wir verschwitzt und durchnässt in La Realidad angekommen.
La Realidad ist ein wunderschönes Dorf mitten im Lakadonischen Urwald Mexikos. Nachdem wir unsere Rucksäcke in einem kleinen Häuschen abgelegt hatten, wurden wir sehr freundlich und herzlich von den Dorfbewohnern begrüßt. Viele Kinder versammelten sich um uns und wir wurden über alle möglichen Dinge ausgefragt. Ich sprach mit vielen Mädchen, die, gerade einmal 18 Jahre alt, bereits seit fünf Jahren verheiratet waren und einige Kinder hatten. Wir waren die außergewöhnliche Hitze und Feuchtigkeit nicht gewohnt und so freuten wir uns besonders auf ein Bad im kalten Fluss. Rosaluz und ich gingen mit einem langen Rock schwimmen, da die Frauen ihre Beine verdecken sollten. Der Oberkörper durfte frei bleiben, da die Brüste natürliche Nahrungsspender für die Kinder sind und somit nicht verhüllt werden müssen.
Nachdem uns das Wasser erfrischt hatte, wurden wir anderen Menschenrechtsbeobachtern vorgestellt. Sie kochten für uns und erzählten ein wenig über die Situation in La Realidad.
Das Dorf ist die bekannteste Aguascalientes (Diskussionsort und Stützpunkt) der EZLN. Im Jahre 1996 wurde hier das erste interkontinentale Treffen für die Menschheit und gegen den Neoliberalismus organisiert, zu dem sich 3000 Menschen aus aller Welt versammelt hatten. Da in La Realidad bereits viele Friedensbeobachter tätig waren, entschieden wir uns nach längerem Gespräch in ein anderes Dorf zu gehen. So wurden wir nach Rosario Rioblanco geschickt.
Der Marsch
Am 16. Juli um 8 Uhr in der Früh begann unser Marsch. Zuvor füllten wir unsere Rucksäcke mit einigen Vorräten, da uns erklärt wurde, dass wir in dem Dorf kein Essen kaufen könnten. Später wurden wir von zwei Männern abgeholt. Nachdem unser Gepäck auf den Rücken von zwei Maultieren befestigt worden war, verabschiedeten wir uns von den Dorfbewohnern und machten uns auf den Weg ins Unbekannte.
Wir waren alle sehr gut aufgelegt und genossen die wunderschöne Natur. Umgeben von den schönsten Bäumen und diversen exotischen Pflanzen, fühlte ich mich als Teil eines großartigen göttlichen Plans. Während wir uns stundenlang an der Landschaft erfreuten, wurde die Sonne immer stärker und unsere Kehlen immer trockener. Nach einiger Zeit zwang uns die hohe Luftfeuchtigkeit und Hitze unzählige Pausen einzulegen. Wir versuchten verzweifelt einen Fluss zu finden, um uns zu erfrischen und abzukühlen. Nachdem wir endlich ein Gewässer gefunden hatten, lagen wir eine ganze Weile bewegungslos am Wasserrand. Wahrscheinlich waren wir alle zugleich eingeschlafen, denn als wir aufwachten, konnten wir die zwei Männer mit den Maultieren nicht mehr sehen.
Erschrocken ergriffen wir unsere Flaschen, die wir zuvor mit Chlortabletten und Flusswasser aufgefüllt hatten, und versuchten wieder den Anschluss zu finden. Wir hatten alle noch den fürchterlichen Geschmack des Chlorwassers im Mund, als wir merkten, dass der Weg immer schlammiger und sumpfiger wurde. Langsam begriffen wir die Notwendigkeit unserer Gummistiefel. Zunächst versanken nur unsere Füße im Matsch, dann unsere Beine und schließlich konnten wir uns nur mehr mit vereinten Kräften fortbewegen. Wir versuchten von einem Stein auf den anderen zu hüpfen und fielen jedes Mal in den Schlamm. Erst nach unzähligen Stürzen lernten wir das Gleichgewicht zu behalten und die besonders tiefen Stellen zu umgehen. Nachdem wir einige Zeit hochkonzentriert marschiert und gehüpft waren, sahen wir unsere Begleiter sauber am Wegrand warten. Sie lächelten uns freundlich zu und erkannten sehr schnell, dass wir wieder eine Pause brauchten.
Sie erzählten uns, dass wir nicht mehr sehr weit von ihrem Dorf entfernt wären. Als ich dann nachfragte, ob sie ungefähr die Zeit einschätzen könnten, bekam ich nur sehr wage Antworten. Nachdem ich schon zum zehnten Mal gefragt hatte, begann ich endlich zu verstehen, dass mein Verständnis von Zeit nicht dem ihren glich. Erst jetzt realisierte ich, dass sie keine Uhr trugen und sich somit nur an dem Sonnenstand und dem bereits zurückgelegten Weg orientieren konnten. Mich interessierte auch, warum sie nichts tranken, während wir schon unzählige Liter an Chlorwasser intus hatten. Ihre Antwort war offensichtlich, sie hatten einfach keinen Durst. Erst als ich erfahren hatte, dass sie heute um 3 Uhr in der Früh aus Rosario Rioblanco aufgebrochen waren, um pünktlich um 8 Uhr in Realidad anzukommen, begann ich zu begreifen, dass wir uns nicht annähernd mit den Kräften der schlanken Männer messen konnten. Sie hatten eine erstaunliche Ausdauer und Energie. Wir waren mit Sicherheit schon über sechs Stunden unterwegs und ich hatte das Gefühl, dass wir unserem Ziel nicht sehr nahe waren. Ich erinnerte mich an die Erzählungen von Naomi, die begeistert über die unglaubliche Kraft der kleinen Kinder in den Dörfern gesprochen hatte. Sie meinte, dass viele bereits im Alter von sieben Jahren stärker wären als sie. Zunächst dachte ich, dass sie etwas übertrieb, doch nun erschien mir diese Tatsache sehr logisch. Die fatalen Umstände zwangen die indigene Bevölkerung Mexikos in die Berge zu flüchten. Vermutlich haben nur die Stärksten die harten Lebensbedingungen überlebt.
Als die Sonne hinter den prachtvollen Bergen verschwand und wir nicht mehr viel sahen, wurden wir etwas nervös. Die zwei Führer antworteten auf meine ständigen Anfragen, dass wir in fünf Minuten ankommen würden. Noch nie sind mir fünf Minuten so lange erschienen, denn die Minuten wurden zu Stunden. Nachdem wir längere Zeit dreckig, durchnässt, müde und hungrig durch den Wald gestolpert waren, bemerkte ich in der Ferne eine Beleuchtung. Wir hatten plötzlich alle wieder Energie und marschierten schnell zur Lichtquelle.
Das Dorf Rosario Rioblanco
Eine kleine nette Frau begrüßte uns sehr herzhaft mit folgenden Worten: „Bienvenidos hermanas y hermanos!“, „Willkommen Schwestern und Brüder!“ Ich war überrascht, dass sie Spanisch sprach, da uns mitgeteilt worden war, dass die Frauen nur ihre indigene Sprache sprechen würden. Ich dachte nicht weiter daran, denn mein Magen knurrte und ich musste mich unbedingt waschen. Wir liefen mit einer kleinen Taschenlampe ausgerüstet zu einem nicht allzu weit entfernten Fluss. Leider waren uns die Gelsen gefolgt und so mussten wir uns sehr schnell reinigen. Als wir endlich in dem kleinen Holzhäuschen ankamen, dachten wir nur mehr an Essen. Wir bekamen „frijoles“, also Bohnen, Maiskolben, Tamales und Tortillas. Wir verschlangen alles und genossen den besten Kaffee, den wir jemals getrunken hatten. Er wurde mit Zuckerrohr gekocht und war daher unglaublich süß.
Nachdem wir endlich gegessen hatten, dachten wir nur mehr an eine Schlafmöglichkeit. Das Bett, das uns angeboten wurde, war ein Holzbrett ohne Matratze und daher leider nicht weich und kuschelig. Wenn man müde ist, kann man jedoch auch an ungemütlichen Orten einschlafen. Um 7 Uhr in der Früh wurden wir durch das Krähen der Hähne aufgeweckt. Ich hatte das schreckliche Gefühl, dass sie über meinem Kopf stehen würden, und sprang daher erschrocken auf. Nachdem ich mich gefangen hatte, schaute ich mir die bescheidene Unterkunft an. Das Haus bestand aus aneinander gereihten Brettern, die Sonnenstrahlen drangen zwischen ihnen hindurch und beleuchteten den kleinen Innenraum. Überall hingen Kleidungsstücke, die auch den Erdboden verdeckten. Ich hätte mich am liebsten wieder schlafen gelegt, aber die Hähne waren zu enthusiastisch mit ihrem lauten Morgengesang beschäftigt. So nahmen wir unsere Rucksäcke, um unseren Beobachtungsposten, der sich etwa 15 Minuten vom Dorf entfernt befand, aufzusuchen. Wir bedankten uns für die Gastfreundschaft und verabschiedeten uns von den Hühnern, die bereits ein gemütliches Plätzchen auf den Betten der Gastgeberin gefunden hatten.
Die Unterkunft
Unsere neue Behausung war viel ungemütlicher als die letzte, denn die aneinander gereihten Bretter waren etwas schief, und so drang mehr Sonnenlicht, und wie wir bald merken sollten auch mehr Regen, in den Innenraum. In der Nähe fanden wir die Küche, die eine Feuerstelle und ein paar Töpfe anbot. Obwohl wir alle etwas über die einfache Unterkunft geschockt waren, freuten wir uns über den erreichten Zielort. Wir waren mitten im Regenwald und hatten eine Aussicht auf das gesamte Dorf, in dem ungefähr 300 Leute lebten. Ich dachte nicht an das harte Holzbett, auf dem ich schlafen würde, sondern nur mehr an meine Aufgabe. Ich genoss die wunderschöne Natur und konzentrierte mich auf die Geräusche des Urwaldes. Am nächsten Tag besuchte uns ein Dorfbewohner, um uns über wichtige Dinge zu informieren. Wir sollten den eventuell passierenden Soldaten nicht verraten, weshalb wir in dem Dorf wohnten. In der Vergangenheit hatte es Fälle gegeben, dass Menschenrechtsbeobachter als „Revolutionstouristen“ bezeichnet wurden und das Land verlassen mussten. Es hieß, dass Mexiko keine Einmischung in innerstaatliche Angelegenheiten dulden wollte.
In der Nacht konnte ich kaum schlafen, da es donnerte, blitzte und wie aus Eimern schüttete. Als wir in der Früh die Überschwemmung in unserer Hütte bemerkten, versuchten wir so schnell wie möglich die Rucksäcke aus dem Wasser zu ziehen. Unsere Bücher konnten wir leider nicht mehr retten, da sich die Seiten verklebt hatten und die Schrift zerronnen war. Während die Sonne unsere nassen Kleider trocknete, gingen wir zu einem Fluss und badeten. Die Hitze war unerträglich, die Dorfkinder spielten fröhlich im Wasser und die Pferde weideten am Uferrand. Ich fühlte mich wie in J.R.R. Tolkiens Auenland, wir waren von grünen Hügelchen umgeben, es war wunderschön friedlich und sonnig.
Als wir durch das Dorf spazierten, entdeckten wir ein paar Männer, die mit einer Sense das Gras schnitten. Wie wollten ihnen helfen, aber stattdessen wurden wir auf einen süßen Kaffee eingeladen. Einer der Männer erzählte uns über sein hartes Leben und über die Ungerechtigkeiten, die seinem Volk ständig widerfuhren. Das Dorf hat kein fließendes Wasser und keine Elektrizität, obwohl Chiapas mit 60% der wichtigste Stromlieferant Mexikos ist. Mexiko wird von den Neoliberalisten regiert, die sich nicht um das Wohl des Volkes, sondern nur um den Wohlstand eines kleinen Prozentsatzes der Bevölkerung sorgen.
Durch das Freihandelsabkommen NAFTA werden die „Campesinos“, so genannte Landarbeiter, in die Armut gestürzt, weil ihre Produkte nicht mit denen der transnationalen Firmen konkurrieren können. Da die Wirtschaft in Mexiko zerstört wird, müssen viele Mexikaner ihre Heimat verlassen, um in einem anderen Land Arbeit zu finden. Sie gehen in die USA, wo sie ausgebeutet und verachtet werden. Es wurde sehr bald dunkel, und so kehrten wir zu unserem Stützpunkt zurück. Unzählige Glühwürmchen spielten in den Wiesen und erleuchteten uns ein wenig den Feldweg. Ich dachte an die Worte der Männer und versuchte eine Alternative zum Kapitalismus zu finden. Der Kommunismus ist sicherlich nicht die Lösung, denn er funktioniert leider nicht ohne Verletzung der Menschenrechte und Unterdrückung der Gesellschaft. Eine international kontrollierte Marktwirtschaft, die die Umwelt und die sozialen Bedürfnisse der Menschen achtet, wäre eine Möglichkeit, die Ungerechtigkeiten auf dieser Welt zu minimieren. Wenn auch kleine Unternehmen die Chance hätten ihre Produkte auf dem Markt anzubieten, müssten die Menschen in den Entwicklungsländern nicht in Armut leben und Almosen von den reichen Staaten annehmen. Gäbe es gerechte Vorgaben für die großen Unternehmen, dann würde nicht nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung den Rest der Welt beherrschen. Durch die Globalisierung gibt es keinen geordneten Wettbewerb. Die Weltwirtschaft ist chaotisch, denn es gibt keine Regeln, und ein freier Markt ohne Regeln bedeutet das Ende der Demokratie.
Nach einiger Zeit gewöhnten wir uns an die Lebensbedingungen und passten uns vollständig dem Rhythmus des Dorfes an. Wir begannen den Tag mit der aufgehenden Sonne und gingen schlafen, sobald es dunkel wurde. In der Früh holten wir Wasser von einem etwas näher gelegenen Fluss. Die Frauen begrüßten uns fröhlich und erzählten uns über ein Fest, dass abends im Dorf stattfinden würde. Sie meinten, dass sie traditionelle Marimba-Musik spielen würden. Während wir über die Geschichte des Instruments Marimba informiert wurden, versuchten wir unsere mit Wasser aufgefüllten Krüge zu heben. Wir ahmten die Frauen nach und trugen die schweren Behälter auf unseren Köpfen in die Hütte. Leider verlor ich auf meinem Weg viel Wasser und musste wieder zu dem Fluss zurückkehren. Ich sah viele junge Mädchen, die ohne Probleme drei Krüge auf einmal schleppten, und genierte mich ein wenig für meine Unfähigkeit.
Jeden Morgen besuchten uns die Frauen, um uns Tortillas zu bringen. Die Kinder kamen am Nachmittag, um mit uns zu spielen und zu zeichnen. Ich versuchte ihnen zu erklären, wo sich Österreich befand, und musste feststellen, dass sie sich die Welt mit ihren diversen Ländern nicht vorstellen konnten. Sie verstanden nicht, dass die Dörfer Rosario Rioblanco und La Realidad in Mexiko lagen. Als die Männer von der Feldarbeit zurückkamen, kosteten wir ein wenig von ihrem traditionellen Getränk Pozol, das aus fermentiertem Mais gewonnen wird. Sie meinten, dass Pozol ein natürlicher Schutz gegen Darmerkrankungen wäre.
Am Abend aßen wir Tortillas, die die Frauen um vier Uhr in der Früh aus Mais und Wasser zubereitet hatten. Anschließend gab es Tamales, die aus Maisbrei bestehen und in Mais- oder Bananenblättern serviert werden. Leider verging die Zeit im Dorf viel zu schnell, und so war es langsam an der Zeit sich auf die Rückreise vorzubereiten. Wir packten unsere Sachen und genossen unser letztes gemeinsames Mahl. Diesmal sollten wir mitten in der Nacht aufbrechen, um in ein Dorf zu gelangen, das vier Stunden von Rosario Rioblanco entfernt liegt. Von dort würde uns ein Pick up holen und nach San Cristòbal de las Casas bringen. Der Abschied fiel uns nicht leicht, denn wir hatten die Menschen ins Herz geschlossen und wussten, dass wir lange nichts mehr von ihnen hören würden.
Sie leben in den Bergen ohne fließendes Wasser und Elektrizität, sie sind das vergessene Volk Mexikos, das sich hinter Masken verstecken muss, um gesehen zu werden.
Rebellion ist wie ein Schmetterling, der auf das Meer ohne Insel oder Felsen zuhält. Er weiß, dass er keinen Platz zum Landen hat. Doch zögert er nicht zu fliegen. Und nein, weder der Schmetterling noch die Rebellion sind dumm oder selbstmörderisch. Es ist nur so, dass sie wissen, dass sie doch etwas haben werden, wo sie landen können, weil es in dieser Richtung eine kleine Insel gibt, die noch kein Satellit entdeckt hat.
Subcomandante Marcos im Dezember 2002
