Im Juli und August 2007 konnte ich als Menschenrechtsbeobachterin in indigenen Gemeinden in Chiapas viele Erfahrungen sammeln, und darüber möchte ich berichten.Die Menschenrechtsorganisation Fray Bartólome de Las Casas in San Cristóbal veranstaltet jeden Montag für diejenigen, die vorhaben als BeobachterInnen in die Gemeinden zu gehen, ein kurzes Vorbereitungsseminar. Vormittags geht es um die Geschichte der Organisation und die Situation vor Ort. Nachmittags werden dann die Gruppen und Gemeinden eingeteilt. Falls man noch Fragen hat stehen einem die MitarbeiterInnen von FrayBa auch zur Seite.

Ich wurde zusammen mit einem Basken und einem deutschen Pärchen einer Gemeinde der „Abejas“ zugeteilt. Die „Abejas“ sind eine pazifistische, zivilgesellschaftliche Organisation von indígenas , die für Frieden und Gerechtigkeit kämpfen. Da sie keiner politischen Gruppe angehören und durch ihre pazifistische Haltung geraten sie oft zwischen die Fronten und sind Bedrohungen verschiedenster Art ausgesetzt. Das Massaker von Acteal, einer Gemeinde der Abejas, hat sich tief in ihr Bewusstsein eingebrannt. Die Problematik „unserer“ Gemeinde bestand in Folgendem: Die ca. 12 Familien mussten vor einer bewaffneten Bande, die Schutzgeld erpresste, fliehen.

Im Zuge dieses Konfliktes wurden zwei Mitglieder der Gemeinschaft ermordet. Die Familien ließen ihre Häuser und Felder zurück. Sie fanden Zuflucht in Fracción Guadelupe, einem Ortsteil der Kleinstadt Pantelhó, wo sie mit Geldern kirchlicher Organisationen neue Häuser errichteten. Jedoch besaßen sie kein Land, um davon ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, daher lebten sie in großer Armut. Auch die Bedrohungen nahmen nicht ab. Nun gelang es ihnen, wieder mit Hilfe internationaler kirchlicher Organisationen, unweit von F.G. mehrere Hektar Land zu erwerben und dort ein neues Dorf zu gründen. Noch pendeln die Familien ständig zwischen F.G. und Nuevo Paraíso, wie sie ihr neues Land getauft haben, hin und her. Doch auch in N.P. nahmen die Bedrohungen kein Ende. In der Nacht sind oft Schüsse zu hören, die Menschen finden Patronenhülsen auf ihrem Land und einmal hat eine Kugel ein Gemeindemitglied nur knapp verfehlt. Über die Identität der Aggressoren konnte man uns keine klare Auskunft geben, vermutlich handelt es sich um bewaffnete Gruppen, die der PRI nahe stehen.

Auf Grund dieser Vorfälle, der traumatischen Erfahrung der Ermordung zweier Gemeindemitglieder und ihrer pazifistischen Haltung, die sie extrem verwundbar macht, lebt die Gemeinschaft in ständiger Angst und Anspannung. Daher wurde unsere Anwesenheit sehr geschätzt und wir wurden durch die Dorfversammlung herzlich Willkommen geheißen. Die Kommunikation war nicht immer leicht, da fast alle BewohnerInnen ausschließlich Tzozil sprechen. Ein Mann namens Antonio fungierte als Übersetzer und war auch für alles andere unser Ansprechpartner. Untergebracht wurden wir in einer Hütte, die auch als Kirche oder Versammlungsraum diente. Deshalb mussten wir öfter unsere Hängematten abnehmen, damit Platz war, zum Beispiel für den Alphabetisierungskurs, den zwei Mitarbeiter der örtlichen Diözese durchführten. Die meiste Zeit hielten wir uns ohnehin im Freien auf, bei Regen, der täglich am Spätnachmittag einsetzte, unter dem Dach vor unserer Hütte. Denn es war ja wichtig, dass wir Präsenz zeigten und gesehen wurden, da die Lage der Gemeinde sehr angespannt war. Gleich an unserem ersten Tag waren aus dem Wald hinter der Siedlung Schüsse zu hören. Die Männer des Dorfes eilten sofort in diese Richtung und auch wir wurden aufgefordert, mitzukommen. Wir teilten uns dann auf, so dass zwei von uns Beobachterinnen im Dorf bei den Frauen bleiben konnten. Der Grund für die Schüsse konnte jedoch nicht ermittelt werden. Antonio räumte auch ein, dass die Schüsse eventuell nichts mit dem Dorf zu tun hatten. Trotzdem war die Angst der DorfbewohnerInnen zu spüren. Auch wenn Nachts die Hunde längere Zeit bellten, gingen stets einige Männer nachsehen, ob jemand in der Nähe war. Erfreulicherweise kam es während unseres Aufenthaltes zu keinen weiteren Vorfällen.

Die Zeit verbrachte ich mit Lesen, Schreiben (Tagebuch, Bericht für FrayBa...), Unterhaltungen mit den anderen Campamentistas und gelegentlich mit DorfbewohnerInnen soweit das eben möglich war, und natürlich mit dem Beobachten des Dorfalltags. Ab und zu kamen auch die Kinder zum Spielen vorbei, aber sie zeigten weit weniger Interesse an uns als erwartet. Highlight des Tages war immer der Gang zum Fluss.

Unweit des Dorfes gab es einen kleinen Fluss, wo man sich waschen konnte und wo es angenehm kühl war, denn Nachmittags wurde es meist recht heiß. Da unsere Aufgabe ja in erster Linie aus Beobachten und präsent sein bestand, gab es wirklich nicht viel zu tun. Das muss einem bewusst sein, wenn man sich für einen Aufenthalt als MenschenrechtsbeobachterIn entschließt! Abwechslung brachte der Sonntag, als wir Antonio nach Pantelhó auf den Markt begleiteten. Wir kauften auch ein, da wir am nächsten Tag eine Hühnersuppe für die Gemeinde kochen wollten. Als Dank für ihre Freundlichkeit und dafür, dass sonst wir von den Frauen des Dorfes bekocht wurden. Jeden Tag in der Früh übergaben wir die Zutaten für unsere Mahlzeiten an eine andere Familie, die dann für uns kochte. Da die DorfbewohnerInnen sich fast ausschließlich von Reis und Bohnen ernähren, stand das auch bei uns sehr häufig am Speiseplan. Die Hühnersuppe war also auch für uns eine willkommene Abwechslung. Die Frauen aus dem Dorf unterstützten uns beim Kochen, vor allem aber erledigten sie das Zubereiten der Hühner, die wir tags zuvor lebend gekauft hatten. Und sie amüsierten sich köstlich, dass bei uns auch die Männer kochten!

Schon nach einer Woche nahmen wir Abschied, da wir alle zum Treffen der zapatistischen Gemeinden mit den Völkern der Welt wollten, das zu dieser Zeit statt fand. Die Verabschiedung war sehr emotional und ich hatte wirklich das Gefühl, diese Menschen ein wenig bei ihrem Kampf unterstützt zu haben. Da waren dann auch die Flöhe, das wackelige Plumpsklo und 3 x täglich Bohnen vergessen!

Nach dem wirklich beeindruckenden Treffen der zapatistischen Gemeinden war ich ein zweites Mal bei FrayBa um mich in eine Gemeinde einteilen zu lassen. Diesmal wurde ich zusammen mit einem Spanier und einer Neuseeländerin, die beide schon um einiges älter waren als ich, zu der Junta de Buen Gobierno ins Caracol La Garrucha geschickt. Die sollten uns dann einer zapatistischen Gemeinde zuteilen. Da die Junta immer sehr viel zu tun hat, verbrachten wir eine Nacht im Caracol und fuhren erst am Abend des nächsten Tages mit compañeros in unsere Gemeinde „Emiliano Zapata“. Dort trafen wir zwei andere Campamentistas, die dort an der Schule unterrichteten, obwohl es eigentlich zapatistische Lehrer gibt. Sie fuhren aber schon am nächsten Tag zurück nach San Cristóbal, da nur an drei Tagen die Woche Unterricht stattfindet. Es sollte sich noch herausstellen, das hier ein reges Kommen und Gehen von Campamentistas, Brigadistas und anderen AusländerInnen herrschte. Wir lernten dann den Responsable kennen, der im Dorf für uns Campamentistas und noch viele andere Dinge verantwortlich ist. Er erklärte uns, dass es unsere Aufgabe sei, an der Straße zu sitzen und Militärbewegungen zu dokumentieren. Das taten wir dann auch bzw. teilten wir es so ein, dass zumindest immer einer von uns da war, während die anderen am Fluss, in unsere Hütte oder in der Küche waren. An den Tagen, an denen Unterricht stattfand schauten wir auch in der Schule vorbei um zu sehen, ob wir uns nützlich machen könnten. Aber die zapatistischen Lehrer hatten die Kids ganz gut im Griff und ich hatte den Eindruck, dass es eigentlich eher störte, wenn wir auch noch herumliefen. Unsere Zeit an der Straße verbrachten wir meist mit Lesen und Karten spielen. Ich spielte auch oft mit den Kindern Karten, die beiden anderen spielten oft mit den Erwachsenen Schach. Ein paar Mädchen, die nicht in die Schule gingen, kamen auch oft vorbei und wollten malen oder einfach ein bisschen schauen, was bei uns passierte. Es waren auch meistens Arbeiter im Dorf, die an einer Klinik bauten. Mit denen teilten wir uns die Küche, daher kamen wir leicht ins Gespräch und auch der Responsable kam oft vorbei um zu plaudern.

Einmal nahm er uns mit, um uns einen Wasserfall in der Nähe des Dorfes zu zeigen. Der Weg ging kreuz und quer durch Maisfelder, durch den Dschungel und über Bäche. Am Rückweg wusste der Responsable selbst nicht so genau, wo der Weg eigentlich war. Spaziergänge auf eigene Faust erlaubte er nicht, da es nicht ganz ungefährlich ist und es wohl auch schon öfter vorgekommen ist, dass das ganze Dorf auf der Suche nach verschollenen Campamentistas war. Hier verging die Zeit im Allgemeinen schneller als in N.P.. Da wir hier selber kochen konnten, nahm das auch einige Zeit in Anspruch, vor allem weil keiner von uns ans Feuer machen gewöhnt war. Oft wurden die vorhandenen Töpfen von den Arbeitern benutzt und wir mussten warten, bis sie ihre Bohnen gekocht hatten. Um das zu vermeiden kochten wir auch manchmal zusammen. Von den verschiedenen Familien bekamen wir jeden Tag frische Tortillas geschenkt. Im Dorf gab es zwei Läden, wo man alles Nötige einkaufen konnte und obwohl es keinen Strom gab, kam mir dieses Dorf geradezu luxuriös im Vergleich zu Nuevo Paraíso vor. Trotzdem war es angenehm, nach 14 Tagen wieder nach San Cristóbal zurückzukehren. Obwohl das Dorf nicht direkt bedroht war und auch kaum Militärbewegungen zu beobachten waren, bekame wir einige massive Menschenrechtsverletzungen in umliegenden Gemeinden mit.

Unser Aufenthalt war diesmal in erster Linie wichtig um den Menschen zu vermitteln, dass sie in ihrem Kampf nicht alleine sind. Der Responsable sagte uns, dass es ihnen viel bedeutet, dass sich Leute von so weit weg für ihre Sache interessierten. Auch für mich persönlich war es eine sehr intensive und wertvolle Erfahrung, besonders die Möglichkeit, die zapatistische Selbstverwaltung kennenzulernen. Beeindruckt haben mich die Menschen, die trotz all der Schwierigkeiten nicht aufgeben und für eine gerechtere Welt kämpfen. Nicht immer leicht für mich war es, mit fremden Menschen auf sehr engem Raum zusammen zu leben, vor allem da unsere Vorstellungen über unseren Aufenthalt in der Gemeinde nicht immer übereinstimmten. Zukünftige MenschenrechtsbeobachterInnen sollten sich also nicht nur auf einfache Verhältnisse sondern auch auf mögliche ungünstige Gruppendynamiken einstellen. Nichtsdestotrotz würde ich jederzeit wieder als Menschenrechtsbeobachterin nach Chiapas fahren um die außerordentlichen gesellschaftlichen Veränderungen, die dort stattfinden unterstützen zu können, aber auch