Von Andrea Sommerlechner
Mein dreiwöchiger, über das „Centro de Derechos Humanos Fray Bartolomé de las Casas“ in San Cristóbal de las Casas vermittelter Aufenthalt als Friedensbeobachterin im November/Dezember 2004 führte mich und meine Begleiter, zwei Italokanadier der Organisation „Building Bridges“, in zwei Gemeinden der pazifistischen „Sociedad civil las Abejas“ in Los Altos: in das „Zentrum“ der Abejas in Acteal und in eine Neuansiedlung von Vertriebenen in Nuevo Yibeljoj.
Der Besuch konfrontierte uns mit der Memoria des Massakers von Acteal [siehe Bericht], bei welchem am 22. Dezember 1997 45 Indigenas Tzotzil von Paramilitärs ermordet wurden, und mit den Folgen der massiven Vertreibungen von Angehörigen der Abejas in den Jahren 1997/1998, weiters mit der Organisation der „Sociedad civil“, die 36 Gemeinden umfasst und einen eigenen Weg neben den Zapatisten sucht, mit den Unterstützungen durch Diözese und NGOs und mit internen und externen Schwierigkeiten.
Acteal - 2004; alle Bilder in diesem Erfahrungsbericht von Andrea selbst
Acteal wurde uns von den sehr kommunikativen Amtsträgern der „Sociedad“, als „ideologischer“ Mittelpunkt (mit der Errichtung des Monuments für die Opfer von 1997, mit der Einrichtung der allmonatlichen „conmemoración de las victimas“, an der wir teilnehmen durften), als Verwaltungszentrum (als Sitz des jährlich gewählten Führungsgremiums der „mesa directiva“, deren einen Tag dauernde Wahl durch eine Versammlung von Abejas aus allen Dörfern wir ebenfalls miterlebten), als „wirtschaftliche“ Zentrale (mit der Leitung der Kaffeekooperative „Maya Vinic“ und einer im Aufbau befindlichen Kunsthandwerkskooperative „Maya Antsetik“ der Frauen), als Ort des Austauschs mit mexikanischen und ausländischen Besuchern und Organisationen vorgeführt. In einem einwöchigen Aufenthalt teilten wir die Gastfreundschaft (und teilweise die Gästebaracken) mit Vertretern der Medicos del Mundo, mexikanischer NGOs, Journalisten aus Spanien und Schweden, einem Schweizer Dissertanten und missionierenden konservativen Priesterseminaristen aus Tuxtla Gutierrez. Wir wurden auch Zeugen der Militärpräsenz mit zwei Lagern an der Straße unterhalb und oberhalb des Ortes und mit dem regen Verkehr von Militärfahrzeugen. Gespräche, abseits der „offiziellen“ Selbstdarstellung, kreisten teilweise um die Bedürftigkeit von Einzelnen, öfter noch um Erinnerungen an und Verluste durch das Massaker von 1997.
Acteal
Zwei weitere Wochen verbrachten wir in Nuevo Yibeljoj, einer Neuansiedlung von 468 Vertriebenen der Abejas, die nicht in ihre Gemeinden zurückkehren konnten und aus dem Flüchtlingslager Xoyeb Ende 2000 in ein mit Unterstützung von NGOs gekauftes Land, „campamento de la paz“, zogen. Probleme bleiben einerseits die z. T. weite Entfernung der Felder, die bei Regen unbefahrbare Straße, der fehlende Strom; andererseits die Nachbarschaft zu Orten mit starken paramilitärischen Gruppen (Los Chorros) und der „Schutz“ durch einen Posten der „Policía de Seguridad“ beim Eingang des Dorfes und ein größeres Militärlager an der Straße. Das Bild von Nuevo Yibeljoj, das sich uns in Gesprächen mit den Frauen, die uns in der Gemeinschaftsküche betreuten, mit jüngeren „promodores“ für Gesundheit und Unterricht, mit dem Katechisten und in einem abschließenden feierlichen Zusammentreffen mit den „representantes“ dargestellt hat, ist folgendes: Nuevo Yibeljoj, eineinhalb bis zwei Wegstunden Fußmarsch von Acteal entfernt, liegt an der Peripherie der Organisation der Abejas: Das „Prinzip Hoffnung“, an dem allgemein festgehalten wird, begegnet hier größeren Widerständen.
Die Anbindung (Besuch der Feste, der Versammlungen) lockert sich für einen großen Teil der Bewohner, der irgendwie zurückbleibt, sukzessive. Die Frauen von Nuevo Yibeljoj erklären, dass es nicht möglich ist, die Distanz zu überwinden und sich an der Textilkooperative „Maya Antsetik“ zu beteiligen. Die Nachteile des Systems der Ämterrotation – die Übernahme eines Amtes in der Gemeinde bedeutet den kaum ersetzbaren Ausfall als Arbeitskraft; die Einarbeitung der jeweils neu gewählten Amtsträger erschwert Kontinuität in Kontakten nach außen – kommen viel stärker zur Geltung. Der Kampf um die kulturelle Behauptung (z. B. die Bestimmung eines Schultages in der Woche für den komplementären Unterricht in indigener Kultur und Überlieferung durch von der Gemeinde delegierte promodores, die selbst in Ausbildung stehen, dabei eine Familie zu versorgen haben, das eigene Feld aber nicht bestellen können und als Taglöhner arbeiten) ist nur unter größten Opfern aufrecht zu erhalten.
Nuevo Yibeljoj
Der Kampf gegen kulturelle Vereinnahmung bedeutet für die Frauen auch Widerstand gegen die staatlichen „Familienplanungs“- (Sterilisierungs-)Kampagnen; dies lässt ihnen allerdings keinen Raum für echte Selbstbestimmung. Die Korrosion, vor allem durch die wirtschaftliche Not, durch den Mangel an Erwerbsmöglichkeiten, zeigt wohl auch ihre Wirkung in Politik- und Ideologieverdrossenheit und in einem „no future“-Gefühl; beides erfasst aber erstaunlich Wenige. Was letztlich bei weitem überwog, war der Eindruck von Geschlossenheit der Gemeinde um ihre Geschichte und um ihre selbst gewählte Organisationsform, und eines – angefochtenen, aber beharrlichen – Optimismus.
alte Volksschule
Abgesehen von der Kommunikation mit allen, die uns in der zentral gelegenen Gästebaracke besuchten, und den Bemühungen, uns einen Tagesablauf (mit Flusswasser desinfizieren und Lebensmittel suchen) zu konstruieren, bestand die Aufgabe am Ort vor allem darin, präsent zu sein und den Abejas, denen die Anwesenheit von Beobachtern ein Anliegen ist, auch das Gefühl des Nichtalleingelassenseins zu vermitteln; nach der Rückkehr haben wir versucht, die Versuche der Frauen in Richtung auf kooperative Herstellung und Verkauf von Handarbeiten durch einen kleinen Direkthandel zu unterstützen.
<-- Gästehaus/Kinder in Acteal --> 